Santa Catalina (Teil 3)

Hallo meine Lieben,

hier ist er, der Abschluss meiner Geschichte. Diesmal zusammen mit Fotos.  Die beiden vorigen Einträge sind jetzt ebenfalls mit Bildmaterial geschmückt.  Schaut also ruhig nochmal rein… 😉

Nun also der letzte Teil:
Eigentlich will ich gar nicht weg und das passiert mir auf Friedhöfen wirklich höchst selten. Wir fahren zurück zur „nächstgrößeren“ Kreuzung und folgen der „Straße“ diesmal weiter gerade aus. Keine 10 Minuten später sind wir schließlich da. Wir kommen auf dem Dorfplatz an.
Unmittelbar vor uns steht sie, die „Estancia de Santa Catalina“. Eine alte Jesuiten-Kirche aus dem Jahr 1622. Die Homepage dazu findet ihr >> hier. (Die Seite ist zwar auf Spanisch, allerdings befinden sich im unteren Teil der Seite eine Bildergalerie und die sagen ja bekanntlich mehr als Worte.)

Ich muss mich immer wieder selbst daran erinnern, dass wir uns weit abseits jeglichen „normalen Lebens“ befinden. Die wenigen Gebäude um den Dorfplatz kann man an zwei Händen abzählen. Auf der einen Seite ein versteckter Zugang zu einer Bar und direkt daneben ein etwa 100 Meter langer Block einzelner winziger Steinhäuser. Aus einem von Ihnen begutachtet uns eine altersgebeugte Oma skeptisch während wir mit dem Auto passieren.

Auf der anderen Seite ein Souvenierladen, eine Poststation, eine Polizeiwache und eine Schule. Weiter nichts. Wie viele Leute denn hier wohnen, frage ich Carolina.  Sehr sehr wenige sagt sie und ich glaube ihr sofort. Vor der Steinmauer biegt die Straße nach links ab. Wir folgen ihr, kommen an der Rückseite der Kirche vorbei und fahren wieder weiter geradeaus auf staubiger Strecke, weiter in noch mehr Einsamkeit.

Die Schlaglöcher werden immer grober, die Kurven zahlreicher. Der Weg gesäumt von hohen Hecken. Wir durchfahren noch ein letztes kleines Dorf (sogar mit Kiosk),  überqueren eine kleine Steinbrücke und sind gut 2 Kilometer weiter endlich da.

Mitten auf einer kleinen Lichtung in einem Waldstück liegt das Landhaus. Das Anwesen hat eine herrliche Lage am Hang, umgeben von Wiese und am Grundstück vorbei, führt ein Fluß, wie ich kurz darauf merken werde. Als wir um das Haus herumfahren, laufen plötzlich zwei Pferde neben uns her. Eigentlich fehlt nur noch die Titelmusik von „Falcon Crest“ im Hintergrund und der Kitsch ist perfekt. Unglaublich!

Die Pferde können sich das ganze Jahr über in dem umzäunten Areal frei bewegen erklärt mir die Anwältin. Das bedeutet auch, dass sie auf die Veranda gehen und dort schlafen. Sehr zum Ärgernis ihres Cousins, fügt sie noch beiläufig hinzu.

Wir parken an der Rückseite, packen die Sachen aus dem Auto und schon beim ersten Schritt auf die gemauerte Veranda stoße ich mir den Kopf an der niedrigen Überdachung. Es soll das erste von fünf weiteren Malen an diesem Wochenende sein. Das Haus liegt vollkommen abgeschnitten. Es gibt (meistens) Strom und fließend Wasser; sonst nichts („sonst“ schließt Handyempfang selbstverständlich mit ein).

Schon beim Eintreten kommt einem ein angenehmer Modergeruch entgegen: eine Mischung aus Leder, Kohle, Holz und altem Stein. Alte massive Holzmöbel die Wände liebevoll geschmückt: fantasievolle bunte Bilder, direkt neben Pferdegeschirr, Pfannen aus anderen Zeiten und getrocknetem Gras. Teils verblichene Schwarzweiß-Fotografien und viele viele Heiligenbilder und -symbole. Wir sind eben in Argentinien.

Ich bringe meine Sachen in eines der vier Schlafzimmer (jedes jeweils eigenem Bad. Sapperlott!). Wie überall im Haus, sind auch hier Steinplatten als Bodenbelag verlegt. In diesem Zimmer sind sie rot. Zwei Betten stehen dort (selbstverständlich sittlich getrennt eines an jeder Wand) und dazwischen eine Holztruhe mit Metallbeschlägen. Außerdem gibt es einen Schreibtisch, einen knallroten alten Spiegel mit unzähligen blinden Stellen und schließlich eine Mauernische, die als Kleiderschrank dient. Auch hier dekadenalte Dekorationen an den Wänden und in den Mauerecken. So langsam beginne ich zu begreifen, was es heißt einer alten Aristokratenfamilie zu entstammen.

Wir verbringen das Wochenende -zusammen mit der Schwester der Anwältin und deren Freund- zu viert in dem alten Haus aus dem 17. Jahrhundert. Abends essen wir Asado auf der Terasse, trinken „Fernet con Coca“ und reden über Gott und die Welt. In der Dunkelheit außerhalb sehe ich zum ersten Mal seit meiner Kindheit wieder aberhunderte Glühwürmchen. Bis auf den Fluß und die Grillen ist es absolut still. Mir kommt alles unwirklich vor. Das es sich sehr wohl um meine Realität handelt, vermitteln mir die bestimmt(!) 235 Moskitos im Zimmer in der darauffolgenden Nacht auf ihre ganz eigene Weise. Außerdem bleibt mir kein anderer Schluß, als dass die Matraze ebenfalls aus einem anderen Jahrhundert (und ich meine nicht das 20igste!) stammen muss.

Am Sonntag baden wir an dem -und ich weiß, es klingt schnulzig- vollkommen einsamen Fluß. Das klare Wasser kommt direkt aus der Wildnis und lässt mich hoffen, dass höchstens die grasenden Kühe etwas flußaufwärts ein bisschen darin hinterlassen haben. Am späten Nachmittag fahren wir nochmal zur Estancia, also zur Kirche und werden prompt Zeugen eines Gottesdienstes, mit geschätzen 20 Teilnehmer. In diesem Fall heißt das, dass sich gerade das komplette Dorf versammelt, die einzig vorhanden drei Bankreihen sind nämlich voll. Ich habe viel Glück, denn alles weitere, was zur Kirche gehört, bleibt „normalen Touristen“ eigentlich vorenthalten. Der Familie der Antwält gehört allerdings ein Teil des gesamten Komplexes und so kommt es, dass wir uneingeschränkt Zutritt haben. Sie zeigt mir also den zugehörigen Konvent mit dem gigantischen Park hinter der Kirche. Hier stehen die verlassenen Unterkünfte der Nonnen, die einst hier lebten und -man höre und staune-, sie hatten sogar einen eigenen Swimmingpool.

Auffällig sind die vielen Furchen im Gras. Als ich genauer hinsehe, wird klar, dass es sich um hochfrequentierte Ameisenstrassen handelt. Als sie mir erzählt, dass hinter den alten Außenmauern des Grundstücks ein alter Indianerfriedhof vermutet wird, bin ich schon so begeistert, dass ich am liebsten rüberklettern und ihr über die Wahrscheinlichkeit dessen Bescheid geben würde.

Ich bin einfach hin und weg. Wir kehren ein letztes Mal zurück zum Anwesen, packen die Sachen und machen uns spät Abends auf den Heimweg. Was bleibt sind meine Fotos, die nur wenig von der wahren Atmosphäre übermitteln können und der Wunsch, noch einmal hierher zu kommen. Ich nehme auch in Kauf, dass man dieserorts nachts von Käfern bekrabbelt wird, die man in dieser Größe sonst nur aus B-Klasse-Horrorfilmen kennt.

Auf Wiedersehn Santa Catalina und
bis bald 🙂
euer Ambitionsmädchen

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4 Antworten to “Santa Catalina (Teil 3)”

  1. Kitty Says:

    Wunderschöne Geschichte. Ich bekommen Fernweh… großes Fernweh…

  2. ambitionsmaedchen Says:

    Ich hoffe, der Schmerz bleibt im angenehm kribbeligen Niveau und nicht mehr?! 😉 Hach, wie schön ist es doch, wenn sich andere zum Schmachten dazugesellen! Hat man gleich Gesellschaft… 🙂

  3. Hortense Says:

    Oh wie gut, eine Weile kein Internet gehabt zu haben.
    So durfte ich alles in einem Rutsch lesen, ohne zermürbendes Warten auf den nächsten Teil!
    Hach. So schön.

  4. ambitionsmaedchen Says:

    Liebe Hortense,

    welch Freude, dass Du dann gleich wieder hier vorbeigeschaut hast!
    Nichts besänftigt das Bloggerherz mehr, als glückliche Leser! 🙂

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