Archive for Dezember 2012

Bestandsaufnahme oder Feierabend-Poesie

Dezember 14, 2012

Hallo meine Lieben,

ich bringe gerade meinen Terminplaner mit allen Adressen auf Stand.
Manche Leute habe ich schon so lange nicht mehr gehört oder gesehen.
Von einigen bleibt schließlich nichts als Radiergummi-Krümel.

Bis bald,
euer Ambitionsmädchen

Begegnungen und Abschiede

Dezember 3, 2012

Hallo meine Lieben,

die letzten Tage in Japan sind angebrochen.

Am Wochenende war ich bei meinen Kollegen zum Essen eingeladen. Eine unverhoffte Ehre.
Es war ein schönes Gefühl, so offen und – entgegen aller Vorurteile – herzlich empfangen zu werden. Für einige Stunden war ich nicht auf Geschäftsreise, sondern voll und ganz in die Familienfeier integriert.
Dass es zu Essen Gulasch, Baguette und als Nachtisch Mousse o chocolat gab, lehrte mich, besser gleich mit weiteren Vorurteilen aufzuräumen.
Zum Trost gab es für meine Erwartungshaltung an Japanische Kulinaritäten dann doch noch gebratenen Reis am Stiel mit salzig-süßer Sauße.

Morgen werde ich den ganzen Tag unterwegs beim Kunden sein und abends wahrscheinlich todmüde. Ich will daher noch heute Resümee ziehen.

1.
Die Welt ist kurios und das Leben unverschämt und voller Überraschungen.

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2.
Wenn ich diesmal zurück nach Deutschland gehe, lasse ich nicht nur Kollegen, sondern Freunde zurück. Da waren Menschen, denen ich vorher – wenn überhaupt – nur einmal im Leben begegnet sind und die sich trotzdem aufrichtig um mich gesorgt haben und denen es wichtig ist, wie es mir geht. Ich meine nicht Gastfreundschaft, wie sie die asiatische Höflichkeit gebietet.  Was noch?

3.
Wenn aus Oberflächlichkeit Aufrichtigkeit wird, verwandelt sich auch ein fremder Ort wenigstens für kurze Zeit in ein zuhause.

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4.
Wahrlich Schönes drängt sich nicht auf.

5.
Fremde können mich lehren, dass das was ich suche, nicht irgendwo da draußen in der Welt auf mich wartet, sondern in mir steckt. Und…

6. Kinder streiten in der ganzen Welt und in allen Sprachen gleich 😉

Auf Wiedersehn in wenigen Tagen,
euer Asienmädchen

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Just listening:
>> Duncan Sheik – The Ghost In You
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Shin Yokohama

Dezember 1, 2012

Hallo meine Lieben,

womöglich haben einige das Gefühl, ich war schon länger nicht mehr hier. Tatsächlich hat WordPress in China nicht mehr funktioniert. Dank VPN konnte ich wenigstens auf Facebook zugreifen und habe dort die letzten Tage geschrieben. Ihr könnt also jederzeit nachlesen unter >> www.facebook.com/ambitionsmaedchen

In der Zwischenzeit sitze ich nun also in meinem Hotelzimmer und schaue auf Shin Yokohama. Auf dem Schreibtisch neben mir liegt eine Zeitung, ein halb gegessener japanischer Apfel darauf und daneben dampft Kaffee. Vorgestern kam ich nachts um zwei im Hotel an, gestern dann eine Präsentation vor 20 Vertretern aller Toyota-Werke. Danach, zur Feier des Tages, koreanisch Essen mit den japanischen Kollegen. Der Kollege wählt aus. Als das erste Kimchi und eingelegte Gurken serviert werden, freue ich mich schon auf das Essen.
Es folgt ein Teller mit hauchdünn geschnittener Wurst, die direkt auf einen der beiden Grillroste gelegt wird. „Beef“, sagt mein Kollege zeigt mir, wie ich das gegrillte Stück zuerst in Knoblauch-Essig tauchen und dann Essen soll. Ich probiere und wundere mich über den ungewöhnlichen Geschmack. Da streckt mir mein Gegenüber die Zunge raus und tippt mit seinen Essstäbchen darauf. OK, alles klar. Ich esse gerade keine Wurst.
Es folgt der zweite Gang und ich frage nicht, was für „Beef“ wir diesmal essen. Mir ist auch ohne Erklärung sofort klar, dass es sich entweder um Lunge oder um Hirn handelt. Ich nehme tapfer vom Grill und tunke das gare Stück in üppig Sojasauße. Eine weitere Schüssel wird gereicht. Kurz hege ich die Hoffnung, es könnten helle Schwammerl sein. Es ist eine weitere besondere Köstlichkeit, Magenstreifen mit Zwiebel. Sie wird im nächsten Gang von calamari-artigen Stückchen in roter Sauße abgelöst. Ich lächle und probiere auch höflich hiervon. Beim Kauen ein Würgereflex. Das hat mein Kollege offensichtlich gesehen. Er lacht. Das sei sein Lieblingsessen. Dickdarm. Ich beschließe, das Stück ungekaut zu schlucken und spüle es mit viel japanischem Bier hinunter. „Puhh… bin ich satt… ich kann leider nichts mehr essen!“

So viele Innereien habe ich wissentlich zuletzt als Kind gegessen. Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen, zu einer Zeit, als Hausschlachtungen schon am Aussterben waren. Für mich sind sie eine feste Erinnung. Mein Vater sagte immer, die Zunge sei das Beste und ich weiß noch, wie er sich das Stück aus dem riesigen Wurstsuppen-Trog nahm, sich an den Tisch setzte (die Nasenspitzen reichten uns gerade so über die Tischplatte), den Stuhl heranzog und wir ihm zuschauten. Und ein kleines Stück hat er uns Kindern dann abgegeben.
Daran musste ich gestern schmunzelnd denken, als ich da so saß. Weit weg von zuhause und dieser Zeit.

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Heute Abend und morgen haben mich japanische Kollegen jeweils zum Essen bei sich eingeladen. Ich freue mich sehr darüber, ist es doch eine sehr große Geste und Wertschätzung. Nachdem ich heute das erste Mal seit drei Wochen ausgeschlafen habe, bin ich ganz froh, im Augenblick einfach nur dazusitzen und zu schreiben. Danach werde ich mich mit meinem ganz persönlichem Japan-Souvenir beschäftigen >> „I Am a Cat“.

Bis bald,
euer Ambitionsmädchen

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Just listening:
>> José González – Heartbeats
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