Ciudad de Mexico

Hallo meine Lieben,

die Sonne geht gerade postkartenreif hinter der Gebirgskette der Stadt unter und ich spüre das altbekannte Kribbeln in den Fingern.

Nach ein paar Tagen des Aklimatisierens und Einlebens trudelte meine Reisebegleitung aus Deutschland ebenfalls in Monterrey ein. Ich nenne sie hier im Weiteren M. 🙂 Nicht zu verwechseln mit Herrn M.O.! Der sitzt soweit ich weiss, in diesen Tagen in Stuttgart und freut sich an der Schneeschmelze.

An einem Sonntag Abend machen wir uns auf den Weg. Die Route steht mehr oder weniger fest.  Es geht in den Süden Mexikos. Unsere Reise beginnt unspektakulär im Linienbus 206 und führt uns zunächst zum zentralen Busterminal der Stadt.

13 Stunden später:
Wir kommen morgens an. Muede und von der Fahrt sichtlich fertig, verlassen wir mit den schon viel zu schwer gewordenen Rucksäcken das Busterminal im Süden von Mexico Stadt. Kurze Orientierung und wir tappsen los. Auf der kurzen Passage zur Metro steht ein Händler nach dem anderen. Lederwaren, Billigspielzeug, Haushaltswaren, ein wildes Durcheinander von allem. Einer verkauft gefälschte CDs und schon von weitem empfängt uns aus seiner Anlage „>>O Zone – Dragostea din tei„. Na toll, schon ist die Synapse in meinem Gehirn gelegt. Das Wort Mexico City und das furchtbare One-Hit-Wonder sind unwiderruflich für immer miteinander verknüpft.
Wir quetschen uns schliesslich (mitsamt Ohrwurm) stramm in einen der knallvollen Metro-Waggons. Interessant übrigens, dass die Metro in MX City nicht auf Schienen, sondern in einer Fahrbahn läuft und deshalb Gummireifen hat. Für Frauen gibt es sinnvollerweise sogar zwei eigene Waggons. Nett ist auch, dass jede Station ihr eigenes groß ausgeschildertes Symbol hat. Ein Blick auf den Plan sagt uns, dass wir am Adlerkopf vorbei, am Springbrunnen umsteigen und bei der Glocke aussteigen müssen. In meinem Kopf macht es immer noch „Ma-ia-huu, ma-ia-hoo, ma-ia-haa“…

Unser Lonely Planet weißt uns schließlich den Rest des Weges zuverlässig zur Zona Rosa, dem betuchtesten (und schwulstem Viertel) der Stadt. Hier wollen wir uns niederlassen, hier wollen wir sein. Nach kurzer Zeit finden wir ein Hostel und haben sogar ein nettes Zimmer auf der Dachterasse ganz für uns allein.

Nach einer höchstüberfälligen Dusche geht es los, die Stadt zu erkunden. Es ist der 8. März, der Tag der Frauen. Beim „>>Monumento de la Independencia“ demonstrieren Aktivistinnen für die Rechte der Frauen in der Ehe und auf legale Abtreibung. „Unser Körper gehört uns!“ rufen Sie wieder und wieder und ballen dazu die Fäuste in der Luft.
Das Schlendern durch die Stadt reizt all meine Sinne. Die gold-roten VW-Käfer auf den Straßen; seit Dekanden tun sie ihren Dienst als Taxi. Der Duft der blühenden Bäume an den Wegen. Die verspiegelten Hochhäuser, Springbrunnen, jede Sitzbank ein eigenes Kunstwerk. Straßenhändler verkaufen frische Taccos und servieren sie mit der grünen, scharfen Salsa aus schmierigen Plastikflaschen.

Als wir im historischen Teil der Stadt ankommen ist es später Nachmittag. Wir stehen auf dem „>>Plaza  de la Constitucion“ mit der großen Kathedrale. Wir biegen willkürlich in eine der Gassen ein und landen anscheinend einen Volltreffer. Es wimmelt nur so von Menschen. Links und rechts sitzen die Verkäufer auf Decken mit ausgelegten Waren, das meiste davon billiger Ramsch. Monoton preisen sie ihre Sachen an. Die Autos kommen auf dem Kopfsteinpflaster nur schwer durch. An jeder Ecke Drehorgelspieler. Es ist eine Lust!
Wir kaufen uns einen Snack: Eine dünne, in fett herausgebackene Teigplatte mit Petersilie, einer scharfen Salsa, Chillis und Bohnensauße. Es schmeckt großartig und wir lecken uns danach die fettigen Finger.

Ein Mädchen bittet M. um eine Zigarette. Sie sieht verwahrlost aus mit ihren verratzten Hosen, den büschelweise gestutzten Haaren und den tief roten Ringen unter den Augen. Später werden wir uns über sie unterhalten und übereinstimmen, dass ihre Erscheinung milde ausgedrückt „besorgniserregend“ war. Man weiß nicht, wohin mit den ungefilterten Eindrücken: Wohin mit ihr? Wohin mit der Frau ohne Hände, die mit ihren Protesten strickt? Diese Stadt hat nicht zwei Seiten einer Medaille. Sie ist ein demografischer Eintopf! Man kann sich nicht etwas herauspicken, ohne das jedem Stück auch der Geschmack des Rests anhaftet.

Wir kehren in die Zona Rosa zurück. Mittlerweile hat die Dämmerung eingesetzt und nun sind die Rainbow- und Sexshops, die Restaurants und Clubs bunt beleuchtet. Das Nachtleben setzt in unserem Viertel ein. Ich kaufe mir ein Stoffarmband mit dem Schriftzug „soy gay… y que?“ (ich bin gay… na und?) und fühle mich schon ein bisschen „cooler“.

Im Hostel empfängt uns Mirza, die Empfangstante Ich brauche meinen Gaydar nicht mal anwerfen, so offensichtlich lesbisch ist sie und ich bin ein bisschen beleidigt, dass ich den Eindruck habe, sie braucht den ihren auch nicht. Ich mustere kritisch meine extra gekaufte und sehr bequeme Baggy-Hose. Gut, sie hat ein Camouflage-Muster, gut… besonders feminin ist sie auch nicht, aber funktionell! An meiner Schirmmütze kann’s ja wohl auch kaum liegen… vielleicht am Tanktop? Erst jetzt fällt mir mein Armband wieder ein. Genau, so wird’s wohl sein!

Wir lassen den Abend bei einem Gespräch mit zwei Norwegerinnen, die ebenfalls dort nächtigen ausklingen. Sie empfehlen uns noch eine Tour für den nächsten Tag und wir reservieren uns gleich zwei Plätze. Meinen Gaydar brauche ich übrigens wieder nicht; eindeutig Heten! 😉

Bis bald,
euer Ambitionsmädchen

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2 Antworten to “Ciudad de Mexico”

  1. Zorro Says:

    Ich liebe dein „Geschreibse“! Deine Gedanken sind nicht nur interessant, sondern die Art des Schreibens macht auch richtig viel Laune zu lesen!!!
    🙂 🙂 🙂

  2. Heike Says:

    Gaydar?!;-))
    Tut mir leid Heuchelfreundin – aber nicht bleidigt sein. Merkt man „sonst“ nicht 😉
    Pass schön weiter auf Dich auf u.hoffentl.bis bald.

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