„Bevor ich anfange“ oder „Schwarze Schleifen in Monterrey“

Hallo meine Lieben,

ich bin also wieder zurück auf dem Campus der Universidad Technologica, kurz TEC in Monterrey. Von einem der Computerräume aus, schaue ich durch die verspiegelten Fenster hinaus. Es ist warm geworden in den letzten Wochen. Als ich ankam, konnte man morgens kaum ohne Jacke aus dem Haus; heute bereue ich schon fast, dass ich auch nur eine lange Hose anhabe.

Der Campus ist riesig und voller Grün. Ob man es glaubt oder nicht, hier leben sogar frei laufende Pfaue, dutzende Eichhörnchen, unzählige Enten und Katzen und sogar eine kleine Gruppe Rehe. Es ist eine Universität für die Oberschicht des Landes, denn die 2.000 US$ Studengebühr pro Semester kann sich die Mehrheit der Mexikaner nicht leisten. Selbst in Deutschland wäre das kaum anders. Die Studenten kommen aus ganz Nord- und Südamerika. Innerhalb des 3 Meter hohen weissen Zaunes herrscht die makellose Welt. Hier sind alle gleich, hier gibt es Recycling, eigene Coffee-Shops und Burgerketten. Ein ganzes Team von Gärtnern kümmert sich um die wundervolle Anlage.  

Und doch, der Zaun grenzt uns ab, gegen die Realität des Landes. Wie könnte ich nach Mexiko kommen und meine Augen vor dem verschliessen, was tagtäglich die Nachrichten dominiert? Die Geschichten die ich erzählen werde, sind fröhliche kleine Abenteuer, was sonst? Ich hatte doch bisher nur Glück, nichts weiter. Nur Glück…

Seit heute morgen hängen grosse schwarze Schleifen an den Eingängen. Vergangenen Donnerstag wurden bei einem Militäreinsatz gegen eine Drogenbande hier in Mexiko zwei Dealer direkt an einem der Eingänge erschossen. Viele Tage über lautete die offizielle Nachricht, dem Militär wäre ein weiterer Schlag gegen die Drogenkartelle gelungen und man hätte zwei Handlanger niedergestreckt. Triumph! In der ersten offiziellen Mitteilung seitens der TEC nach dem Blutbad wurde diese Meldung vom Pressesprecher bestätigt. Man bedauere die Umstände denen die Studenten nun ausgesetzt seien.

>>Die Wahrheit ist -Tage später- kaum in Presse und TV wahrnehmbar. Viel zu gross ist die Scham der Militärs. Es waren keine Dealer, es waren zwei Studenten, die einfach zufällig in den Kugelhagel gerieten: Jorge Antonio Mercado Alonso und Javier Francisco Arred. Es kamen zwei völlig Unschuldige ums Leben. Allein seit 2008 sind mehr als 8.500 Menschen zu Tode gekommen. Wie viele von den mehr als 15.000 geschätzten Toten seit 2006 waren auch einfach nur „zur falschen Zeit am falschen Ort“? Bei Facebook gibt es nun neue offizielle Stellungnahmen und für diejenigen, die es interessiert weitere >>Informationen. Heute, am Montag, tragen viele Studenten schwarz. Die schwarzen Schleifen, die verteilt wurden, haben nicht gereicht.

Ich schreibe das nicht aus scheinheiliger Betroffenheit. Seien wir ehrlich, in Wirklichkeit steht dahinter so oft dorch nur ein „Gut, dass es mich nicht erwischt hat!“.
Ich will den Wahrheiten ins Gesicht sehen und das „Warum?“ und das „Wie?“ erkennen, verstehen. Das Buch „Las venas abiertas de América Latina“ von Eduardo Galeano  hat mir dabei sehr geholfen. Der deutsche Titel lautet: >> Die offenen Adern Lateinamerikas.
Galeano schrieb das Buch Mitte der 70iger Jahre, daher erscheint es aus heutiger Sicht sehr linksradikal. Nichts desto trotz hilft es zu begreifen.  

Was passiert ist, kann man nicht ändern, aber man kann sich dem stellen, was es bedeutet. 

In diesem Sinne verabschiede ich mich von heute und werde morgen beginnen von den zahllosen Wundern dieses Landes zu berichten. Es gehört alles zusammen…

Euer Ambitionsmädchen
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Just listening:
>>Portishead – Roads
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