Anfangen, Entdecken

Hallo meine Lieben,

ich sitze in der Bibliothek der Technologischen Hochschule in Monterrey, kurz TEC.  Zeit und Ruhe, um zu schreiben. Meine Erzählung handelt von Gestern und ich will gar nicht lange vorplaudern, sondern euch direkt mithineinnehmen.

N. verspricht mir eine tolle Kneipe im Barrio Antiguo nahe dem Zentrum der Stadt. Wir fahren mit einem der alten Linienbusse für 5,50 Peso. Mittags, so wie jetzt ist viel los. Schräg vor uns sitzt ein alternativer Spätzwanziger. Bis auf wenige Dreadlocks ist sein Kopf kahlgeschohren. Er trägt ausgeleierte Jamaika-Hosen und eine bunte Leinentasche um die Hüfte. Routiniert und beharrlich knüpft er -wie so viele Bohémiens- Armbänder aus dickem Zwirn. Es ist sehr wahrscheinlich, dass er sie irgendwo an einem schattigen Platz in der Stadtmitte auf einem Baumwohltuch ausgelegt zum Kauf anbieten wird. Ich beobachte seine flinken Hände und fühle mich um ein Jahr zurückversetzt nach Argentinien.

Ist es so wie damals? Ich schaue auf die Straßenzüge mit den bunten staubigen Schildern. Monterrey schmiegt sich eine langen und beindruckenden Gebirgszug entlang. Die ärmeren Viertel sind die, die an den Hängen liegen. Das Zentrum ist größtenteils modern und der nordamerikanische Einfluss nicht zu übersehen. Verspiegelte Hochhäuser, riesige bunte Skulpturen am Rande des Highways, gewagte Architektur bei den Bürogebäuden. Auf den Straßen vor PS nur so strotzende sportliche Mustangs, Chevroleds und Marken, die ich hier überhaupt zum ersten Mal sehe. Wuchtige PickUps aller Altersklassen. Und dennoch: der Großteil der Autos Klimakatastrophen auf 4 Rädern.

Der Lebensstandard ist hier eindeutig höher als in Argentinien und wie ich später erfahren werde, auch eindeutig höher als im Rest Mexikos. Monterrey ist untypisch, anders. Das ist alles was ich bisher merke, auch wenn ich noch nicht sagen kann, worin genau der Unterschied liegt.

Wir steigen nahe der Fussgänger-Zone aus. Von hier aus ist es nicht weit in das „antike Viertel“. Wir überqueren den Macroplaza und sind auf der anderen Seite auch schon da. Er ist die Grenze zwischen alten und neuem Teil der Stadt. Und tatsächlich fühlt es sich für mich hier vertrauter an. Die ebenerdigen alten Häuser mit den fantasievollen, liebenswert verwitterten Fassaden. Die Gassen aus Kopfsteinpflaster und gerade breit genug für Autos. Im alten Herz der Stadt zirkuliert und pocht noch immer das Leben. Vielleicht nicht jetzt, am heißen Frühnachmittag aber hier kokettieren Bars, Clubs und Boutiquen nur so um die Wette.

Wir schlendern von Haus zu Haus und beobachten Hochzeitspaare beim Fotoshooting zwischen den betagten Gebäuden. Nach kurzer Zeit stehen wir vor einem braunen, unscheinbaren Haus, dem „Trece Lunas“ (= Dreizehn Monde). Eine der schönsten Kneipen, die ich je gesehen habe, versichert mir N.. Ich schaue in ihr vorfreudiges Strahlen und folge ihr in den kühlen offenen Flur. Schon nach ein paar Metern wird mir klar, was sie so fasziniert. Alles was ich bisher unter „Alternativ“ verstanden habe, versinkt im Schatten dieses einnehmenden Chaos.
An einem langen Gang entlang ziehen sich bunte Bilder, ein wildes Durcheinander alter Stühle, Pflanzen, Dekoration aus Müll, Gemälde, Musiker-Portraits, Mosaiken, einfach alles. Der bunte Putz bröckelt von den Wänden und es gibt kein Dach; stattdessen bieten aufgehängte alte Regenschirm Schutz für Sonne und -sicherlich seltener- Nässe. Wir laufen nach hinten durch in einen kleinen Hof. Zielsicher geht N. auf eine schmale, rostige Wendeltreppe zu. Ich schaue das Geländer hoch und ihr nach, wie sie hinaufsteigt. „Hier geht es zur Terrasse“  ruft sie mir auffordernd zu. Ungläubig lache ich auf und klettere ihr die sieben Meter nach.
Als wir oben ankommen, offenbart sich vor uns zum einen der Blick auf das Sammelsurium unter uns aus dem wir gerade kommen und zum anderen eine atemberaubende Aussicht auf die Dächer von Monterrey. Links in einiger Entfernung der Cerro de la Silla, der charakteristische Berg  und eines der Wahrzeichen der Stadt. Vor uns und rechts von uns die Stadt selbst mit dem orangen Monument und der Kathedrale. Der Horizont irgendwo hinter dem stufigem Gebirgszug. Über uns strahlt die Sonne am wolkenlosen Himmel. Ich blicke um mich und mir geht das Herz auf. Wissend und zufrieden grinst mich N. an. Sie wusste es.

Wir bestellen heiße Taccos und kühles Zuculuna, einem Sorbet aus Gurke, Minze und Eis. Der Rythmus in diesem Café, Bar, Kneipe -oder wie immer man es nennen will- er ist auf jeden Fall der Gleiche, wie der der argentischen Chill-Out Musik aus den Lautsprechern. Mein Atem wird langsamer, mein Herzschlag und ich merke, ich komme an.

Bis bald,
euer Ambitionsmädchen

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Just listening:
The Hall Effect – Hope
Just reading:
Bruno Apitz – Nackt unter Wölfen
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bohémien
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6 Antworten to “Anfangen, Entdecken”

  1. Heike Says:

    Hey Heuchelfeundin;.-)

    Ich wünsche Dir heute, am 02.,alles alles Liebe und Gute zu Deinem 30-zigsten Geburtstag;-))))))))))))))))))))))
    Fühl Dich umarmt Kleine…anrufen tu ich net – weisst ja..als echter Schwob, spart mor;-))
    Bei mir ist grad 22.12 Uhr und bei Dir entweder 7,8 o.9 h früher!(hab mich schlau gemacht)…ich wünsche Dir einen wunderschönen Tag und feiere schön – so jung wird man nicht nochmal!
    Dickes Bussi, bis bald, H.

  2. ambitionsmaedchen Says:

    wie jetzt…. 30?… Schätzelschen, Du hast Dich grob verrechnet!!! Aber das kann ja mal passieren, wenn man die 40 schon hinter sich gelassen hat ;D Trotzdem vielen lieben Dank! Und schön, dass Du das Geld für ein großes Geschenk sparst!!!!

  3. Zorro Says:

    da ist ja eine schlimmer als die andere..! 🙂
    Gibt es schon neue Geschichten in Mexiko oder mehr Details??

    Ich hätt noch gern einen Beweis für das Reh! 😀

  4. Zorro Says:

    So so, der Stand, die Palmen und die Hängematte machen also mehr Spaß als zu bloggen!? ;D

  5. Kitty H. Says:

    Wann gehts denn hier mal weiter, Frau Ambitionsmädchen?? Deine Fans sitzen auf dem Trockenen und kriegen langsam lange Gesichter…!!
    Mit besten Grüßen,
    Ihre Kitty Hunter

  6. St.Pauli-Kater Says:

    Moin 🙂
    Ich warte auch auf neue Abenteuer 😉
    Hoffe, Dir geht´s gut!!

    Kater

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