Archive for März 2010

Ciudad de Mexico

März 24, 2010

Hallo meine Lieben,

die Sonne geht gerade postkartenreif hinter der Gebirgskette der Stadt unter und ich spüre das altbekannte Kribbeln in den Fingern.

Nach ein paar Tagen des Aklimatisierens und Einlebens trudelte meine Reisebegleitung aus Deutschland ebenfalls in Monterrey ein. Ich nenne sie hier im Weiteren M. 🙂 Nicht zu verwechseln mit Herrn M.O.! Der sitzt soweit ich weiss, in diesen Tagen in Stuttgart und freut sich an der Schneeschmelze.

An einem Sonntag Abend machen wir uns auf den Weg. Die Route steht mehr oder weniger fest.  Es geht in den Süden Mexikos. Unsere Reise beginnt unspektakulär im Linienbus 206 und führt uns zunächst zum zentralen Busterminal der Stadt.

13 Stunden später:
Wir kommen morgens an. Muede und von der Fahrt sichtlich fertig, verlassen wir mit den schon viel zu schwer gewordenen Rucksäcken das Busterminal im Süden von Mexico Stadt. Kurze Orientierung und wir tappsen los. Auf der kurzen Passage zur Metro steht ein Händler nach dem anderen. Lederwaren, Billigspielzeug, Haushaltswaren, ein wildes Durcheinander von allem. Einer verkauft gefälschte CDs und schon von weitem empfängt uns aus seiner Anlage „>>O Zone – Dragostea din tei„. Na toll, schon ist die Synapse in meinem Gehirn gelegt. Das Wort Mexico City und das furchtbare One-Hit-Wonder sind unwiderruflich für immer miteinander verknüpft.
Wir quetschen uns schliesslich (mitsamt Ohrwurm) stramm in einen der knallvollen Metro-Waggons. Interessant übrigens, dass die Metro in MX City nicht auf Schienen, sondern in einer Fahrbahn läuft und deshalb Gummireifen hat. Für Frauen gibt es sinnvollerweise sogar zwei eigene Waggons. Nett ist auch, dass jede Station ihr eigenes groß ausgeschildertes Symbol hat. Ein Blick auf den Plan sagt uns, dass wir am Adlerkopf vorbei, am Springbrunnen umsteigen und bei der Glocke aussteigen müssen. In meinem Kopf macht es immer noch „Ma-ia-huu, ma-ia-hoo, ma-ia-haa“…

Unser Lonely Planet weißt uns schließlich den Rest des Weges zuverlässig zur Zona Rosa, dem betuchtesten (und schwulstem Viertel) der Stadt. Hier wollen wir uns niederlassen, hier wollen wir sein. Nach kurzer Zeit finden wir ein Hostel und haben sogar ein nettes Zimmer auf der Dachterasse ganz für uns allein.

Nach einer höchstüberfälligen Dusche geht es los, die Stadt zu erkunden. Es ist der 8. März, der Tag der Frauen. Beim „>>Monumento de la Independencia“ demonstrieren Aktivistinnen für die Rechte der Frauen in der Ehe und auf legale Abtreibung. „Unser Körper gehört uns!“ rufen Sie wieder und wieder und ballen dazu die Fäuste in der Luft.
Das Schlendern durch die Stadt reizt all meine Sinne. Die gold-roten VW-Käfer auf den Straßen; seit Dekanden tun sie ihren Dienst als Taxi. Der Duft der blühenden Bäume an den Wegen. Die verspiegelten Hochhäuser, Springbrunnen, jede Sitzbank ein eigenes Kunstwerk. Straßenhändler verkaufen frische Taccos und servieren sie mit der grünen, scharfen Salsa aus schmierigen Plastikflaschen.

Als wir im historischen Teil der Stadt ankommen ist es später Nachmittag. Wir stehen auf dem „>>Plaza  de la Constitucion“ mit der großen Kathedrale. Wir biegen willkürlich in eine der Gassen ein und landen anscheinend einen Volltreffer. Es wimmelt nur so von Menschen. Links und rechts sitzen die Verkäufer auf Decken mit ausgelegten Waren, das meiste davon billiger Ramsch. Monoton preisen sie ihre Sachen an. Die Autos kommen auf dem Kopfsteinpflaster nur schwer durch. An jeder Ecke Drehorgelspieler. Es ist eine Lust!
Wir kaufen uns einen Snack: Eine dünne, in fett herausgebackene Teigplatte mit Petersilie, einer scharfen Salsa, Chillis und Bohnensauße. Es schmeckt großartig und wir lecken uns danach die fettigen Finger.

Ein Mädchen bittet M. um eine Zigarette. Sie sieht verwahrlost aus mit ihren verratzten Hosen, den büschelweise gestutzten Haaren und den tief roten Ringen unter den Augen. Später werden wir uns über sie unterhalten und übereinstimmen, dass ihre Erscheinung milde ausgedrückt „besorgniserregend“ war. Man weiß nicht, wohin mit den ungefilterten Eindrücken: Wohin mit ihr? Wohin mit der Frau ohne Hände, die mit ihren Protesten strickt? Diese Stadt hat nicht zwei Seiten einer Medaille. Sie ist ein demografischer Eintopf! Man kann sich nicht etwas herauspicken, ohne das jedem Stück auch der Geschmack des Rests anhaftet.

Wir kehren in die Zona Rosa zurück. Mittlerweile hat die Dämmerung eingesetzt und nun sind die Rainbow- und Sexshops, die Restaurants und Clubs bunt beleuchtet. Das Nachtleben setzt in unserem Viertel ein. Ich kaufe mir ein Stoffarmband mit dem Schriftzug „soy gay… y que?“ (ich bin gay… na und?) und fühle mich schon ein bisschen „cooler“.

Im Hostel empfängt uns Mirza, die Empfangstante Ich brauche meinen Gaydar nicht mal anwerfen, so offensichtlich lesbisch ist sie und ich bin ein bisschen beleidigt, dass ich den Eindruck habe, sie braucht den ihren auch nicht. Ich mustere kritisch meine extra gekaufte und sehr bequeme Baggy-Hose. Gut, sie hat ein Camouflage-Muster, gut… besonders feminin ist sie auch nicht, aber funktionell! An meiner Schirmmütze kann’s ja wohl auch kaum liegen… vielleicht am Tanktop? Erst jetzt fällt mir mein Armband wieder ein. Genau, so wird’s wohl sein!

Wir lassen den Abend bei einem Gespräch mit zwei Norwegerinnen, die ebenfalls dort nächtigen ausklingen. Sie empfehlen uns noch eine Tour für den nächsten Tag und wir reservieren uns gleich zwei Plätze. Meinen Gaydar brauche ich übrigens wieder nicht; eindeutig Heten! 😉

Bis bald,
euer Ambitionsmädchen

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„Bevor ich anfange“ oder „Schwarze Schleifen in Monterrey“

März 22, 2010

Hallo meine Lieben,

ich bin also wieder zurück auf dem Campus der Universidad Technologica, kurz TEC in Monterrey. Von einem der Computerräume aus, schaue ich durch die verspiegelten Fenster hinaus. Es ist warm geworden in den letzten Wochen. Als ich ankam, konnte man morgens kaum ohne Jacke aus dem Haus; heute bereue ich schon fast, dass ich auch nur eine lange Hose anhabe.

Der Campus ist riesig und voller Grün. Ob man es glaubt oder nicht, hier leben sogar frei laufende Pfaue, dutzende Eichhörnchen, unzählige Enten und Katzen und sogar eine kleine Gruppe Rehe. Es ist eine Universität für die Oberschicht des Landes, denn die 2.000 US$ Studengebühr pro Semester kann sich die Mehrheit der Mexikaner nicht leisten. Selbst in Deutschland wäre das kaum anders. Die Studenten kommen aus ganz Nord- und Südamerika. Innerhalb des 3 Meter hohen weissen Zaunes herrscht die makellose Welt. Hier sind alle gleich, hier gibt es Recycling, eigene Coffee-Shops und Burgerketten. Ein ganzes Team von Gärtnern kümmert sich um die wundervolle Anlage.  

Und doch, der Zaun grenzt uns ab, gegen die Realität des Landes. Wie könnte ich nach Mexiko kommen und meine Augen vor dem verschliessen, was tagtäglich die Nachrichten dominiert? Die Geschichten die ich erzählen werde, sind fröhliche kleine Abenteuer, was sonst? Ich hatte doch bisher nur Glück, nichts weiter. Nur Glück…

Seit heute morgen hängen grosse schwarze Schleifen an den Eingängen. Vergangenen Donnerstag wurden bei einem Militäreinsatz gegen eine Drogenbande hier in Mexiko zwei Dealer direkt an einem der Eingänge erschossen. Viele Tage über lautete die offizielle Nachricht, dem Militär wäre ein weiterer Schlag gegen die Drogenkartelle gelungen und man hätte zwei Handlanger niedergestreckt. Triumph! In der ersten offiziellen Mitteilung seitens der TEC nach dem Blutbad wurde diese Meldung vom Pressesprecher bestätigt. Man bedauere die Umstände denen die Studenten nun ausgesetzt seien.

>>Die Wahrheit ist -Tage später- kaum in Presse und TV wahrnehmbar. Viel zu gross ist die Scham der Militärs. Es waren keine Dealer, es waren zwei Studenten, die einfach zufällig in den Kugelhagel gerieten: Jorge Antonio Mercado Alonso und Javier Francisco Arred. Es kamen zwei völlig Unschuldige ums Leben. Allein seit 2008 sind mehr als 8.500 Menschen zu Tode gekommen. Wie viele von den mehr als 15.000 geschätzten Toten seit 2006 waren auch einfach nur „zur falschen Zeit am falschen Ort“? Bei Facebook gibt es nun neue offizielle Stellungnahmen und für diejenigen, die es interessiert weitere >>Informationen. Heute, am Montag, tragen viele Studenten schwarz. Die schwarzen Schleifen, die verteilt wurden, haben nicht gereicht.

Ich schreibe das nicht aus scheinheiliger Betroffenheit. Seien wir ehrlich, in Wirklichkeit steht dahinter so oft dorch nur ein „Gut, dass es mich nicht erwischt hat!“.
Ich will den Wahrheiten ins Gesicht sehen und das „Warum?“ und das „Wie?“ erkennen, verstehen. Das Buch „Las venas abiertas de América Latina“ von Eduardo Galeano  hat mir dabei sehr geholfen. Der deutsche Titel lautet: >> Die offenen Adern Lateinamerikas.
Galeano schrieb das Buch Mitte der 70iger Jahre, daher erscheint es aus heutiger Sicht sehr linksradikal. Nichts desto trotz hilft es zu begreifen.  

Was passiert ist, kann man nicht ändern, aber man kann sich dem stellen, was es bedeutet. 

In diesem Sinne verabschiede ich mich von heute und werde morgen beginnen von den zahllosen Wundern dieses Landes zu berichten. Es gehört alles zusammen…

Euer Ambitionsmädchen
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Just listening:
>>Portishead – Roads
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Las verdades de Chavela

März 22, 2010

Hallo meine Lieben,

ich hab’s mir nun doch noch geschenkt: >>Las verdades de Chavela. Ein Buch der Geschichte und Interviews mit der (meiner Meinung nach großen) Chavela Vargas.  Die Frau ist mittlerweile über 90 Jahre und singt, dass einem die Gänsehaut über den Rücken läuft. Man kann sich richtig vorstellen, wie sie bei dämmrigen Licht in einer Bar hockt, neben sich die schon halb leer getrunkene Flasche Tequilla, auf ihrem sonnengegerbten Schenkeln rollt sie mit faltigen Händen eine Zigarre… ja… oder so ähnlich…

Wenn man ein paar Seiten in dem Buch liest, weiß man auch gleich wieder, warum Spanisch so toll ist: Diese Sprache ist zart schmelzende Schokolade für die Seele!!! Kann es jedem Spanisch-Sprecher und Chavela-Fan an’s Herz legen! Leider habe ich keine Ahnung, wie man in Deutschland daran kommt… ich verborge es aber auch gerne mal 😉

Bis bald,
euer Ambitionsmädchen

Noch on the road

März 21, 2010

Hallo meine Lieben,

tatsächlich gibt es augenblicklich noch nichts zu lesen. Das liegt daran, dass ich die vergangenen 2,5 Wochen durch den Süden Mexikos und den Dschungel gereist bin; mit hässlichen Ungeheuern und Sonnenbrand gekämpft habe 😉
Es gab einfach noch keine Gelegenheit zum Schreiben. Seit 2 Tagen bin ich wieder zurück in Monterrey. Heute unternehme ich noch eine waghalsige Tour zum Cerro die Silla, dem Hausberg der Stadt und ab morgen hocke ich mich auf meine bis dahin strammen 4 Buchstaben und verspreche eifrigst und detailiert von den vergangenen Wochen zu erzählen. 🙂

Bis sehr bald,
euer Ambitionsmädchen

Anfangen, Entdecken

März 1, 2010

Hallo meine Lieben,

ich sitze in der Bibliothek der Technologischen Hochschule in Monterrey, kurz TEC.  Zeit und Ruhe, um zu schreiben. Meine Erzählung handelt von Gestern und ich will gar nicht lange vorplaudern, sondern euch direkt mithineinnehmen.

N. verspricht mir eine tolle Kneipe im Barrio Antiguo nahe dem Zentrum der Stadt. Wir fahren mit einem der alten Linienbusse für 5,50 Peso. Mittags, so wie jetzt ist viel los. Schräg vor uns sitzt ein alternativer Spätzwanziger. Bis auf wenige Dreadlocks ist sein Kopf kahlgeschohren. Er trägt ausgeleierte Jamaika-Hosen und eine bunte Leinentasche um die Hüfte. Routiniert und beharrlich knüpft er -wie so viele Bohémiens- Armbänder aus dickem Zwirn. Es ist sehr wahrscheinlich, dass er sie irgendwo an einem schattigen Platz in der Stadtmitte auf einem Baumwohltuch ausgelegt zum Kauf anbieten wird. Ich beobachte seine flinken Hände und fühle mich um ein Jahr zurückversetzt nach Argentinien.

Ist es so wie damals? Ich schaue auf die Straßenzüge mit den bunten staubigen Schildern. Monterrey schmiegt sich eine langen und beindruckenden Gebirgszug entlang. Die ärmeren Viertel sind die, die an den Hängen liegen. Das Zentrum ist größtenteils modern und der nordamerikanische Einfluss nicht zu übersehen. Verspiegelte Hochhäuser, riesige bunte Skulpturen am Rande des Highways, gewagte Architektur bei den Bürogebäuden. Auf den Straßen vor PS nur so strotzende sportliche Mustangs, Chevroleds und Marken, die ich hier überhaupt zum ersten Mal sehe. Wuchtige PickUps aller Altersklassen. Und dennoch: der Großteil der Autos Klimakatastrophen auf 4 Rädern.

Der Lebensstandard ist hier eindeutig höher als in Argentinien und wie ich später erfahren werde, auch eindeutig höher als im Rest Mexikos. Monterrey ist untypisch, anders. Das ist alles was ich bisher merke, auch wenn ich noch nicht sagen kann, worin genau der Unterschied liegt.

Wir steigen nahe der Fussgänger-Zone aus. Von hier aus ist es nicht weit in das „antike Viertel“. Wir überqueren den Macroplaza und sind auf der anderen Seite auch schon da. Er ist die Grenze zwischen alten und neuem Teil der Stadt. Und tatsächlich fühlt es sich für mich hier vertrauter an. Die ebenerdigen alten Häuser mit den fantasievollen, liebenswert verwitterten Fassaden. Die Gassen aus Kopfsteinpflaster und gerade breit genug für Autos. Im alten Herz der Stadt zirkuliert und pocht noch immer das Leben. Vielleicht nicht jetzt, am heißen Frühnachmittag aber hier kokettieren Bars, Clubs und Boutiquen nur so um die Wette.

Wir schlendern von Haus zu Haus und beobachten Hochzeitspaare beim Fotoshooting zwischen den betagten Gebäuden. Nach kurzer Zeit stehen wir vor einem braunen, unscheinbaren Haus, dem „Trece Lunas“ (= Dreizehn Monde). Eine der schönsten Kneipen, die ich je gesehen habe, versichert mir N.. Ich schaue in ihr vorfreudiges Strahlen und folge ihr in den kühlen offenen Flur. Schon nach ein paar Metern wird mir klar, was sie so fasziniert. Alles was ich bisher unter „Alternativ“ verstanden habe, versinkt im Schatten dieses einnehmenden Chaos.
An einem langen Gang entlang ziehen sich bunte Bilder, ein wildes Durcheinander alter Stühle, Pflanzen, Dekoration aus Müll, Gemälde, Musiker-Portraits, Mosaiken, einfach alles. Der bunte Putz bröckelt von den Wänden und es gibt kein Dach; stattdessen bieten aufgehängte alte Regenschirm Schutz für Sonne und -sicherlich seltener- Nässe. Wir laufen nach hinten durch in einen kleinen Hof. Zielsicher geht N. auf eine schmale, rostige Wendeltreppe zu. Ich schaue das Geländer hoch und ihr nach, wie sie hinaufsteigt. „Hier geht es zur Terrasse“  ruft sie mir auffordernd zu. Ungläubig lache ich auf und klettere ihr die sieben Meter nach.
Als wir oben ankommen, offenbart sich vor uns zum einen der Blick auf das Sammelsurium unter uns aus dem wir gerade kommen und zum anderen eine atemberaubende Aussicht auf die Dächer von Monterrey. Links in einiger Entfernung der Cerro de la Silla, der charakteristische Berg  und eines der Wahrzeichen der Stadt. Vor uns und rechts von uns die Stadt selbst mit dem orangen Monument und der Kathedrale. Der Horizont irgendwo hinter dem stufigem Gebirgszug. Über uns strahlt die Sonne am wolkenlosen Himmel. Ich blicke um mich und mir geht das Herz auf. Wissend und zufrieden grinst mich N. an. Sie wusste es.

Wir bestellen heiße Taccos und kühles Zuculuna, einem Sorbet aus Gurke, Minze und Eis. Der Rythmus in diesem Café, Bar, Kneipe -oder wie immer man es nennen will- er ist auf jeden Fall der Gleiche, wie der der argentischen Chill-Out Musik aus den Lautsprechern. Mein Atem wird langsamer, mein Herzschlag und ich merke, ich komme an.

Bis bald,
euer Ambitionsmädchen

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Just listening:
The Hall Effect – Hope
Just reading:
Bruno Apitz – Nackt unter Wölfen
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bohémien

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