Rechtssicherheit ist nichts Selbstverständliches

Hallo meine Lieben,

wie angekündigt, will ich euch erzählen, was meine Freunde in Argentinien so alles mitmachen. Nachfolgend habe ich euch einen Zeitungsartikel der argentinischen Zeitung „Día a Día“ übersetzt. Wer des Spanischen mächtig ist, findet >> das Original hier.

Ich schreibe euch das aus zwei Gründen:
Zum einen lehrt es uns, dass Rechtssicherheit in dieser Welt nichts Selbstverständliches ist und wir das nicht vergessen sollten. Zum anderen bin ich darüber selber erschrocken und traurig.

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29/12/2009

Anwältin sagt, sie war Opfer der Polizei

Eine Anwältin denunziert, sie habe einen Albtraum in den Händen der Polizei von Villa Carlos Paz erlebt.

Es handelt sich um Carolina Sahar, die versichert, sie wurde „wegen nichts“ am  Samstag festgenommen und bis Montag Nachmittag festgehalten. In dieser Zeit erfuhr sie Demütigungen und Misshandlungen durch die örtliche Polizei.

Unteranderem bestätigt Sahar, dass sie 28 Stunden kein Essen erhielt, während sie mit Handschellen hinter dem Rücken gefesselt in der Zelle saß. Es gab kein Licht, keine Toilette, kein Wasser und keine Möglichkeit sich zu setzen, bis auf einen einzigen Stuhl.

Außerdem sagte sie aus, dass sie, obwohl sie gerade ihre Periode hatte und sie mehrere Male versucht hatte, die Beamten um einen Toilettengang zu bitten und auf ihre Rechte verwiesen hatte, sie diese nur verbal angegriffen hätten. So war sie gezwungen in die Zelle zu urinieren, weil ihr niemand mehr Aufmerksamkeit schenkte.

Die Polizei versichert, dass Carolina wegen ihrer „gefährlichen Fahrweise“ festgenommen wurde und sich der Verhaftung widersetzt hätte.

Der Hauptkommissar Gustavo Godoy, zuständig für das Departement Punilla, widerspricht auch den Aussagen von Carolina bezüglich den Umständen der Festnahme und behauptet, die Frau wäre gegenüber der Polizei sehr gewalttätig gewesen. Carolina ist dünn, ungefähr 1,60 Meter groß und wiegt 55 Kilo.

Der Vorfall:
Alles hat am Samstag angefangen. Carolina erzählt, sie verließ das Haus einen Freundes in Carlos Paz, den sie besucht hatte und nun wieder auf dem Weg Richtung Córdoba war. Ungefähr um 19.30 Uhr, auf Höhe der Straßen Uruguay und San Martín in Villa Serrana, passierte sie auf der rechten Spur einen grünen Gol mit verdunkelten Fenstern. [Anmerkung von mir: Ein Gol ist eine Mischung aus VW-Golf und Polo]
„Sie hupten mich von hinten an und ich antwortete mit dem Mittelfinger. Was meine Aufmerksamkeit weckte war, dass sie anfingen mir zu folgen.“ Carolina fährt einen >>Fiat 125. Sie bestätigt immer wieder, dass sie von dort an bis zur Autobahn, der Gol-Fahrer sechs oder sieben Mal bedrängte.

„Das Auto hatte verdunkelte Fenster. Es sah nicht aus wie ein Polizeiwagen. Auf Höhe der Ausfahrt Carlos Paz, überholte es mich, bremste mich aus und dann waren da auf einmal 2 andere Polizeiautos die mich umzingelten“, erzählt Carolina, die dann feststellte, dass der Gol von einer Frau gesteuert wurde.

Die Anwältin weigerte sich aus dem Auto auszusteigen. Als sie die Polizei sah versuchte sie sich mit ihrem Kollegen in der Anwaltskanzlei in Verdingung zu setzen, um ihn um Hilfe zu bitten. „Ich habe gerade gesprochen, als die Frau die Polizisten anschrie, sie sollen mich rausholen und dann sie zerrten mich aus dem Auto.“

Sowohl Carolina, als auch der Chef des Departements identifizierten die Frau, die den Gol lenkte als die Beamte Susana Droemer.

Die Frage ist, ob sich Carolina zur Wehr gesetzt hat. Sie sagt, dass sie mit Handschellen gefesselt in einem Auto zur Wache gebracht wurde und einer der Polizisten Lucas David Balabán heißt. „Ich erinnere mich an den Namen, weil er mich auslachte und mich um 23 Uhr in der Zelle besuchte und durch ein kleines Fenster in der Tür sagte: Du willst also Anwältin sein und hast nicht einmal deine Marke dabei.“

Carolina sagte, es war der gleiche Polizist, der ihre Fingerabrücke nahm. Obwohl sie ihn darauf hinwies, dass diese schlecht gemacht wurde und dies den rechtlichen Vorgang später verzögern würde und sie sich folglich wehrte, zog er es vor weiterzumachen.

Im Krankenhaus:
Im Morgengrauen des Sonntags brachte man Carolina 2x in das Gemeindekrankenhaus um ihr Blut abzunehmen. Da sich die Ärzte beim
ersten Mal weigerten, ihr Blut abzunehmen, musste man ein zweites Mal mit einem richterlichen Gesuch zurückkommen. Erst am Sonntag um ungefähr 14 Uhr gab ein Polizist Carolina 2 Orangen. Um 15.30 Uhr durfte sie ihren Anwalt anrufen. Um 16.30 Uhr, als sie dachte, sie wäre nun frei, wurde sie in die Stadt Bialet Massé überführt.

Die „gefährliche“ Anwältin war erst am Montag Nachmittag, nach mehreren Überführungen und vielen Stunden in Handschellen frei.
Heute im Verlauf des Tages soll sie nach Carlos Paz zurück um ihr Auto abzuholen.

„Ich glaube an die Version meiner Beamten“
Hauptkommissar Gustavo Godoy sprach über die Anklagen von Carolina Sahar mit Día a Día. „Es ist nicht wahr, was diese Frau über die Bedingungen der Verwahrung sagt. Wir haben ihr kein Essen gegeben, weil wir keinen Essenservice haben und wir haben sie dort untergebracht, wo alle untergebracht werden.“

In Bezug auf die Frau, die Carolina verfolgt hat, meinte Godoy: „Meine Beamte hatte gerade frei und identifizierte das Auto. Sie sagt, er war die Anwältin, die sie 2x überholt hätte. Außerdem sagte sie, die Anwältin hat ihr blaue Flecke am Körper zugefügt. Deshalb wurde sie verhaftet. Die Anwältin kann sagen was sie will, ich glaube an die Version meiner Beamten.“

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Wenn euch dieser Vorfall so berührt wie mich, schreibt einen Kommentar auf der Seite von >>Día a Día; kommentiert es hier oder schreibt eine E-Mail an mich und ich leite sie an Carolina (sie spricht sehr gut deutsch) weiter.

Sie hat übrigens inzwischen Anklage erhoben: gegenüber der Polizei in Villa Carlos Paz als solche und den Polizisten, die sie misshandelten. Wenn ich was Neues weiß (und es euch interessiert) schreibe ich euch dazu mehr.

Bis bald,
euer Ambitionsmädchen

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2 Antworten to “Rechtssicherheit ist nichts Selbstverständliches”

  1. Zorro Says:

    Hola,
    ja das ganze finde ich schon sehr erschreckend, vor allem wenn man selber schon dort war.
    Soll ich mir jetzt merken, dass ich bei Carlos Paz (oder ganz ARG?!) keine Autos mehr überholen sollte und zur Sicherheit ein Vesper für Zwischendurch einpacke, da die Polizei keinen Essensservice hat??!
    Und Toiletten gibt es bei der Polizei auch nicht?

    An Carolina;
    Ich find es sehr mutig, dass du Anklage gegen die Polizei und die Beamten erhebst und wünsche dir bei deinem Prozess gegen die Willkür viel Erfolg!

  2. ambitionsmaedchen Says:

    Ja, ich werde auch die Daumen drücken. Ich glaube, so ganz ungefährlich wird das nicht für sie…. 😦

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