Slowdown

Hallo meine Lieben!

Meine zweite Woche hat begonnen und ich trage (nicht ganz ohne Stolz) meinen neuen orangenen >> Salwar Kameez.

Samstag nachmittag hatte ich frei und konnte die Zeit endlich nutzen, mir (wenigstens einen Bruchteil) Chennais auch mal bei Tag anzusehen. 

Nur soviel: Wer die indischen Kleider-Shops verlässt ist wie berauscht von den schillernden Farben, den handgewebten Tüchern und ihren Motiven. Weil auch ich dagegen nicht immun bin, kam ich mit vollen Tüten und um einige tausend Rupis leichter zurück ins Appartment.

Es ist schon zu einer ausgefallenen Gewohnheit geworden: Wenn ich nachhause komme, ziehe ich mich aus und rieche an meiner Kleidung. Alles hat schon den Geruch Indiens angenommen: Eine ganz eigentümlich aromatische Mischung aus Gewürzen und Abgasen.

Wir treffen uns Sonntag Vormittag um zum „Ideal-Beach“, eine private Strandanlage zu fahren. Der 50 Kilometer-Weg führt durch Chennais Vororte, also irrsinnig volle Straßen. Links und rechts kleine Shops und Kioske, dazwischen spärliche Hütten aus Palmblättern, viele kleine heruntergekommene Häuser. Davor ganze Familien zusammen auf dem Bürgersteig sitzend. Junge Mädchen in bunten Saris im Reitersitz hinten auf dem Moped. Alles was zwei Räder hat schlängelt sich hartnäckig und gefährlich durch die Autos und die schwarz-gelben Tucktucks. Obwohl es heute bewölkt ist, und die Sonne nicht direkt vom Himmel sticht, flirrt die sowieso schon schwüle Luft von den Auto-Abgasen. Viele tragen ein Tuch um den Mund. Es soll helfen gegen den Staub, den Gestank und den Smog. In meinem Reiseführer steht, Chennai wäre ein Moloch, also eine gnadenlose, alles verschlingende Macht. Gemeint sein muss zum großen Teil der lärmende und insbesondere für „Westler“ zermürbende Verkehr. Trotzdem ein buntes Bild. Sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn. Je weiter wir den Stadtkern verlassen desto mehr Kühe und Ziegen stehen (im besten Fall nur) am Straßenrand.

Die flache Küste gibt ein seltsames Bild. Überraschend verlassen und leer. Nur hin und wieder einige Hotel-Ressorts dazwischen. Es sind noch immer die Narben des Tsunamis vor fünf Jahren.

Wir erreichen schließlich das Ideal-Hotel mit dem zugehörigen Strand. Es ist eine pompöse Anlage, die wir da durchqueren. Statuen, gepflegter Rasen, Einzelappartments. Am Meer schließlich Palmen, offene Hütten mit Blätterdächern, Hängematten und ein ungetrübter Blick auf den bengalischen Golf. Man müsste schon ein ganz verstockter Skandinavien-Fan sein, um jetzt nicht innerlich zu quietschen anzufangen.

Wir lassen uns nieder und verbringen den Rest des Tages hier. Baden, entspannen, dem Meeres-Rauschen in der Hängematte zuhören. Die Stunden entschädigen für die lange Arbeitswoche. Ich gehe die Promenade entlang und schaue den Fischern zu. An Land bereiten sie die Netze vor, auf See stehen sie zu dutzenden auf den kleinen Booten. Einer von ihnen deutet auf den Boden und warnt mich vor den fast unsichtbaren Schnüren am Boden. Es riecht nach Fisch und Salzluft.

Auf der anderen Seite sitzen einige Händler, vorwiegend Frauen. Ich lasse mich von den leuchtenden Farben anlocken. Sie verkaufen Muschel-Ketten, kleine aus Speckstein geschnitzte Elefanten und Stoffe. Wer sich den Ständen nähert wird von allen gleichzeitig umworben. „Look Look!“ von links. „Madame! Here!“ von rechts. Sie halten Ihre Tücher in die Luft, preisen ihre Waren an.

Weit abseits meiner Gruppe stelle ich mich am Abend an die offene See. Die Sonne steht schon tief hinter mir und so werfe ich einen langen Schatten in Richtung offenes Meer. Der nasse Wickelrock schlägt im Wind. Ich stehe da, blicke hinaus, bin einfach und atme.

What a incredible India.

Bis bald,
euer Ambitionsmädchen

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Just listening
>> OST Dehli-6 – Arziyan
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4 Antworten to “Slowdown”

  1. Kitty Says:

    Oh seufz… Was für eine wunderbare Geschichte. Und ich liebe das oberste Bild, es ist so schön bunt! Ach, ich beame mich fort, an den Strand, in die große weite Welt – da verlass ich meinen Schreibtisch schon, ich fliege, ich fliege…!

  2. ambitionsmaedchen Says:

    Na wenn das Lesen Flügel bereitet, macht’s mich auch froh 🙂

    Übrigens bitte nicht das Bild kriegen, ich wäre nur zum Urlaub hier. An einem „normalen“ Tag verbringe ich min. 10 Stunden im Büro.

  3. Herr M.O. Says:

    …geniess die wenige freie Zeit! Chillout am Strand hört sich sehr fein an 🙂

  4. Heuchelfreundinnen Says:

    Man man man,….“Weit abseits meiner Gruppe stelle ich mich am Abend an die offene See. Die Sonne steht schon tief hinter mir und so werfe ich einen langen Schatten in Richtung offenes Meer. Der nasse Wickelrock schlägt im Wind. Ich stehe da, blicke hinaus, bin einfach und atme.“
    Das hört sich nach dem wunderbaren Moment des seins an… genieße die Minuten in denen du solch einen Augenblick genießen kannst und zehre davon damit du Entspannt die Arbeitstage durch stehst.

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