Angekommen und jetzt ohne Ko(m)ma

Hallo meine Lieben,

seit heute morgen bin ich nun also auf dem indischen Subkontinent. Es ist kurz vor der Regenzeit, dem Monsum. Von der Fahrt vom Flughafen zum Büro wurden glücklicherweise schon alle Klischees (von der Haut- und Knochen-Kuh auf der 3-spurigen Autobahn bis zu den Armen am Straßenrand) bedient und ich habe damit schon „das Seepferdchen“ unter den Indien-Abhärtungsdisziplinen.

Meine Arbeit, bzw. „the office“ wie hier alle so schön sagen, ist absolut OK. An manche Dinge muss man sich halt immer erst gewöhnen, z.B. die Klimaanlage auf gefühlte 10°C. Interessant ist auch die alte Frau im mintgrünen Sari, die nur dafür eingestellt ist den ganzen Tag in der Kaffee-Küche zu sitzen, wenn jemand kommt und einen Kaffee möchte, den (Achtung!) Becher unter den Automat zu stellen und den gewünschten Koffein-Trunk per Taste zu wählen. Der einmeterfünfzig Mann, wird seinem Namen „Office-Boy“ (er bringt jedem den Tee an den Platz) irgendwie dann auch wieder gerecht. Es ist ungewohnt für mich.

Ich wohne in einem geräumigen Appartment zusammen mit wechselnden Mitbewohnern. Es ist eine Art Firmen-WG, bei der ein Projekt-Chefblabla dem nächsten die Klinge in die Hand gibt. Besonders angenehm: Jedes Zimmer ist mit Klimaanlage und mindestens einem großen Deckenventilator ausgestattet. Außerdem hat jeder der max. 3 Bewohner sein eigenes Bad und somit die Möglichkeit sich morgens bei der Aufwachdusche so lange Zeit wie möglich zu lassen. Die braucht man übrigens auch. Der Duschstrahl hat Stärke und Druck von zusammengenommen 2 Sunkist-Saft-aus-Strohhalmen. Und ebenso 2 Packungen voll ist glaube ich auch der Wasserverbrauch pro Duschvorgang. Wassersparen auf indisch.

Mein Arbeitskollege „H-J“ ist noch bis Übermorgen mein einziger Kommunen-Genosse. Er ist ausgesprochen nett, arbeit zu viel und war schon immer ein Vollblut-Indienfan, wie er mir später berichten wird. Noch im Büro (es ist Abends um halb acht) lädt er mich zum Abendessen ein und verspricht mir praktische Insidertipps aus erster Hand. Genauso wird es auch zutreffen.

Wir bringen unsere Laptops ins Appartment (bei meinem funktioniert übrigens die Komma/Semikolon-Taste“ nicht, sehr ärgerlich) und machen uns nach einer Sunkist-Dusche wieder auf den Weg ins Nachtleben Chennais. Kaum stehen wir vor der Haustür, kleben uns schon wieder die Kleider am Leib. Schon nach wenigen Schritten auf der dreckig-staubigen Straße spüre ich Schweißperlen am Haaransatz. Und spätestens als wir an einem Menschgewühl nach einem Unfall alá „Rischka-kontra-Fahrradfahrer“ vorbeikommen, wäre es schon wieder Zeit für ein neuerliches Erfrischungsbad. Ich kann gar nicht so genau sagen, ob es nur an der feuchten Schwüle liegt oder auch ein bisschen Angstschweiß?! Argentinien würde gegen diese Verkehrssitten glatt als gutes Beispiel beim „7. Sinn“ durchgehen. Wir laufen vorbei an unzähligen Kleinhändlern. Es gibt Gemüse, Obst in allen Variationen, Kioske und Mopedhelm-Verkäufer. Es stinkt (bestenfalls nur) nach Abgasen, die Rischkas und Mopedfahrer schlengern sich hupend durch die sonst dunklen Straßen zwischen den Häusern und bedrohlich nahe an uns vorbei.  An manchen Stellen bleibt nur die bewährte „durch-den-Mund-atmen“-Methode. Jeder Schritt will bewußt gesetzt sein, könnte er doch unangenehm enden.

Wir kommen schließlich zu einem kleinen Imbiss. Ich könnte nicht garantieren, dass ich -hätte ich es dabei- nicht mein kleines Sakrotan-Spray rausholen und einfach mal meinen kleinen Quadratmeter Oberflächen um mich herum antibakteriell benetzen würde. Da kommt schon ein Teenager in Personaluniform und wischt die Edelstahl-Tischplatte mit einem nassen Lumpen ab. Ich denke mir einfach, dass es bestimmt auch auch… irgendwie… die Hygiene verbessert, ich muss nur fest genug daran glauben. H-J bestellt für mich mit, nachdem die Gerichte für mich genausogut Ortsnamen sein könnten. Wir gehen uns am öffentlichen Waschbecken kurz die Hände waschen. Wenigstens psychologisch eine Hilfe.

Wenig später bekommen wir unsere Bestellung auch schon an den Tisch. Ich würde gerne schreiben, wie es hieß. So bleibt mir jetzt nur, es zu beschreiben.
Es ist eine Art gefalteter, knuspriger Pfannkuchen. Salzig nicht süß. Gefüllt mit Käse und angereichertem Kartoffelbrei. Dazu Tomaten-Chutney, Kokosnuss-Creme und eine Sauce aus Erbsen. Alles serviert auf einem großen Bananen-Blatt. Wir essen mit den Händen. Man reißt ein Stück ab und tunkt es in eine der Saucen. Gehaltvoll, fettig, aber zum Reinsetzen lecker. 🙂 Dazu trinken wir Lassi, also so ähnlich wie Buttermilch. H-J trinkt es süß, ich salzig.
Weder er noch ich schaffen unser Essen ganz. Der Kellner räumt ab und stellt uns eine kleine Schale auf den Tisch. Ich tippe auf Nachtisch. Was dort nun aber steht könnte von Katzenstreu bis kleine weiße getrocknete Maden alles sein. Ameisen wuseln rund um und in der Schale herum. Und wenn ich im Plural spreche meine ich auch Plural.
Weil es jetzt wirklich auch schon egal und das Glück bekanntlich mit den Mutigen ist, greife beherzt hinein. Ich vergewissere mich noch kurz, dass ich keine Ameise miterwischt habe und stecke mir die Krümel in den Mund. Erst in diesem Augenblick verrät mir H-J, dass er das nicht mag. Was es ist, sagt er aber nicht. Es schmeckt süß, sehr süß sogar und beim Draufbeissen offenbart sich schließlich das Geheimnis. Es sind Aniskörner im Zuckermantel. Sie sollen gegen das schwere Essen helfen.

H-J erzählt mir von seinen Reisen durch Asien, mehr noch über die Arbeit im Ausland. Seit Februar reise er ununterbrochen zwischen den Projekten hin- und her. Müde sei er, ausgelaugt und ausgezehrt. Ich verkneife mir ihm zu sagen, dass er so auch aussieht. Die andere Facette eines solchen Jobs. Auf dem Rückweg kauft er -so kommt es mir zumindest auf den ersten Blick vor- Kondome am laufenden Meter. Meinen (wohl arg überraschten) Blick deutet er sofort richtig und klärt mich auf. Es handle sich um „Gutkha“ und ganz entfernt könne man es mit Kautabak oder dem in Indien bekannte „Paan“ vergleichen. Er bietet mir eine der Portionspackungen an. Er erklärt mir, das Granulat solle man in eine der Backen schieben und dann einfach warten. Nicht kauen und „ja nedd nundaschlucka!“. Da geschmacklich angesiedelt zwischen (ich scherze nicht!) Waschmittel und Erzgebirgs-Räuchermännlein passiert mir das garantiert auch nicht! Mein Speichelfluss verfünftfach sich schlagartig.
Der versprochene Effekt, man würde einen Moment lang richtiggehend high werden, stellt sich leider nicht ein. H-J wettert auf den Kioskverkäufer, was der ihm da für altes Zeug verkauft hätte.

Zuhause zeigt er mir noch Fotos von seinen Reisen. Der Abend klingt spät aus und ich falle steinschwer in’s Bett.

Heute ist Feiertag, damit die Menschen Zeit haben zum Wählen zu gehen. Im Büro sitzen lediglich die Deutschen. Nur der Sicherheitsmann, der Office-Boy und die Kaffeefrau sind außerdem noch da. Sie macht mir jedesmal einen Espresso, auch wenn ich „Latte“ sage. Der Knopf ist eins weiter drüber. So kommt es, dass ich schon einen großen Kaffeebecher voll hochdosiertem Wachmacher getrunken habe. Also an die Arbeit und das mit dem „Wählen“ übe ich noch vor Feierabend mit ihr 😉

Bis bald,
euer Ambitionsmädchen

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4 Antworten to “Angekommen und jetzt ohne Ko(m)ma”

  1. Herr M.O. Says:

    Sehr schön 🙂
    Viel Spass beim schwitzen 😉

  2. Zorro Says:

    Ich les dich immer wieder gerne! freu

  3. Diana Says:

    Ja, Zorro hat recht, dein Geschriebenes ist immer wieder zum schmunzeln ;o) Viel Spaß noch in Indien und bei der Sunkist-Dusche

  4. ambitionsmaedchen Says:

    Schön, wenn’s auch für andere unterhaltsam ist 🙂
    Ich hoffe ja nur, dass ich in der Wohnung auch bald Internet habe und dann etwas öfter schreiben kann.

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