Archive for Mai 2009

Level: Döhnerstammtisch

Mai 31, 2009

Hallo meine Lieben,

mein neuer Mitbewohner im Appartment ist ein Kollege aus der Türkei. Die anfängliche Unbefangenheit hat sich leider schon etwas gelegt. Warum? Ich gebe euch einen kurzen Auszug aus unserem Dialog vorhin wieder. Wir hatten gerade über Kulturunterschiede gesprochen. Anlass waren zwei Männer,  die wir Hand in Hand über die Straße haben laufen sehen. Hier in Indien ist das eine (fast immer) rein freundschaftliche Geste unter Männern. Wir kamen auf das Thema „Gay“ zu sprechen:

“ […] you know… I guess I’m a homophobic…“
„…a homophobic?“
„yes… I mean… I don’t like how they advertise it“
„maybe the don’t ‚advertise‘ but just want to be accepted?!“
„no they advertise it! they want their race to be accepted.“

ja… gut… was soll man dazu noch sagen? Ich hoffe einfach mal weiter, dass „meine Rasse“ irgendwann akzeptiert wird und ich nicht müde werde, anderen Menschen mehr Toleranz entgegenzubringen, als man mir entgegen bringt.

Fast hätte ich gesagt:
„you know… I guess we won’t get close friends…“
Bis bald,
euer Ambitionsmädchen

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Neue Stars in der Perioden-Szene

Mai 29, 2009

Hallo meine Lieben,

alle meine deutschen Kollegen haben „es“ schon getan. Weil es schön unkompliziert und ja so günstig ist. Keine Angst! Es ist eigentlich wie zuhause. Aha…

Ich war beim Zahnarzt… hier in Indien…
Die Broschüre mit den vielen bunten strahlenden Smilies vorne drauf war zumindest so hochwertig, dass man davon ausgehen muss, indische Dentisten verdienen nicht schlecht. Wer mich etwas kennt, weiss dass ich bei diesem Thema hohe Ansprüche stelle. Ich wählte die Nummer auf der Rückseite. >> Meine Zahnärztin hat die Messlatte einfach schon verdammt hoch gelegt. Musste ja direkt gleich wieder an sie denken… Wie Sie sich lächelnd mit ihrem güldenen Locken über den Behandlungsstuhl (und mich) beugt, den Mundschutz cool am Kinn geklemmt. Die Zahnarztleuchte strahlt sie von hinten an und zaubert ihr eine Aura, wie bei einem Madonnen-Porträt. Ohne den Blick von mir abzuwenden greift Sie zum kleinen Mundspiegel und setzt an um zu sagen: „Whendoyouwantaappointment?“ Schon hat mich die brutale Realität wieder eingeholt. „Ähh…“ hörte ich mich leicht dämlich sagen und nach einem kurzen Moment war ich wieder soweit gefasst, dass ich meinen Wunsch nach einem „short check and a professional cleaning“ loswerden konnte. Am nächsten Abend 18. Uhr war es soweit.

Hätte ich gewußt, dass die Praxis 6 Kilometer (durch Chennai-Stadt bei Rush-Hour) von meinem Appartment entfernt ist, hätte ich sicherlich nicht erst fünf vor sechs eine Rishka aufgehalten. Sagenhafte nur zehn Minuten zu spät kam ich in der überraschend modernen Zahnklinik an. Als ich ankam musste ich zunächst einen Kontaktbogen ausfüllen und im angenehm temperierten Sitzbereich am Empfang warten. Zwei Zeitungen lagen da zum Lesen: die „The Times of India“ und „The Hindu“. Ich griff zur Ersteren und begann zu blättern.

Auf Seite 5 blieb ich hängen. Die Überschrift hatte mich sofort gefesselt und -man möchte fast sagen- begierig begann ich zu lesen: „Menstruation cups for women from June“. Mit einer (überraschend viel Platz zugewährten) Neuigkeit sondergleichen in einem konservativen südindischen Blättchen hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Die drollige Produktbeschreibung des elastischen Bechers (bzw. der Menstruationsglocke wie es bei uns in Deutschland wenig verlockend genannt wird) zur -ich sag mal- „internen“ Anwendung war äußerst aufschlußreich und kurzweilig.
Man höre und staune: Bereits in den 30iger Jahren hatte ein Amerika ein Patent darauf angemeldet. Durchgesetzt hat es sich wohl aber offensichtlich nie so richtig. Die „Neuauflage“ wird jetzt von „Lifecell International“ auf den Markt gebracht. Soweit so gut. Nun handelt es sich bei genannter Firma um nichts  anderes als Indiens erste private Blutbank. Man erhofft sich dort in der Management-Etage, dass jede Menge Damen ihr „gesammeltes“ Blut dem Projekt „Femme“ spenden, der ersten Menstruationsblut-Bank weltweit. Dazu erhält frau ein komplettes Set mit Silikon-Cup und verschließbaren Reagenzglässchen. Ich weiß ja nicht was der werte Leser davon hält, aber meine Mimik war spätestens bei diesem Absatz schon ganz schön „unentspannt“.

„Wozu das Ganze?“ fragt man sich zurecht. Menstruationsblut sei optimal zur Stammzellen-Gewinnung, wird der Marketing-Sprecher zitiert, aber vor allem gehe es natürlich darum, indischen Frauen eine preiswerte Alternative zu anderen, verhältnismäßig teuren Hygieneartikeln zu bieten.

Als mich „Doktor John“ schließlich in sein Behandlungszimmer ruft, ist mir längst schon schlecht. Selbst wenn ich wollte… ich glaube ich könnte kein Cup-User werden. Spätestens beim Umfüllen würd‘ ich umfallen 😀

Ach so: ich hab jetzt wieder supersaubere Zähne. Das ist schön!

Tschüß und guten Morgen Deutschland!

Euer Ambitionsmädchen

Chennai erleben

Mai 26, 2009

Hallo meine Lieben,

was soll ich sagen? So viel Büro, so wenig Freizeit. Ich würde gerne mehr schreiben :/ aber ich bin eigentlich immer schon froh, wenn ich um halb eins Abends noch kurz mit meinen Lieben zuhause skypen kann.

Doch auch der vielgeehrte Leser hat natürlich ein nicht unbedeutendes Informationsrecht und ich komme meiner selbstauferlegten Bringschuld immer gerne nach. (Mit einem Klick auf die Bilder kommt ihr jeweils zur Großansicht 🙂 )

Nachdem Joggen oder Spazierengehen in Chennai lebensgefährlich und nun wirklich auch unspaßig wäre (es heisst ein Tag in einer indischen Großstadt wäre für die Lunge in etwas so, wie 2-3 Schachteln Zigaretten rauchen), betreibe ich seit einer Woche einen etwas ungewöhnlichen körperlichen Ausgleich. Nur in einem gesunden Körper wohnt schließlich auch ein gesunder Geist. Man muss für diese Weisheit nicht erst Hindu werden. Gleich nach dem Aufstehen läuft das Ambitionsmädchen mit Kopfhörer im Ohr alle 8 Etagen das Treppenhaus hinunter und alle insgesamt 9 Etagen wieder hoch. Dann wieder runter… und dann wieder hoch… insgesamt 5 Mal hintereinander. Nach diesem Trepp-Stepp/Kampfmarsch bei knapp 30 Grad über 45 Etagen hängen einem dann die Schweißperlen in den Wimpern und die kalte Morgendusche fühlt sich daraufhin besonders verdient an.

Vergangenen Samstag durfte ich eine der bisher aufregendsten Erfahrungen machen. Deshalb erzähle ich euch am besten direkt davon:

Ich lasse mich in der Altstadt von Chennai absetzen. Mit dem Auto käme man unbeschadet hier sowieso nicht durch. Es sind enge Gassen voller Leute und Vieh. Hier tummelt sich das „wahre“ indische Leben. Davon(!) erzählen die vielen Reisebücher und heimgekehrten Abenteurer.

Es ist später Nachmittag. Ich steige also aus, versuche mich erst wieder an die Hitzewand zu gewöhnen und orientiere mich. Die alten Häuser sind nicht besonders hoch. Vier, manche fünf Etagen, nur wenige noch höhere. Ihre Wände sind (nicht nur) ein typographischer Fleckenteppich. Zwischen den vielen mir unverständlichen Schriftzeichen immer wieder mal englische Leuchtreklamen. Sari-Tücher hängen wie bunte Flaggen an den Ladeneingängen.  

Ich stehe inmitten eines bunten Gewusels aus Rishkas (Fahrrad und Auto), Mopeds (viele), Kühe (klein, dünn und fressend), Hunde (manche ganz kahl und lausig), Menschen (noch mehr als Mopeds). Soweit man blicken kann haben sich an der eh schon schmalen Straße links und rechts Verkäufer aufgebaut. Auf und aus alten Kisten und Schachteln leuchten bunte Früchte und frisches Gemüse. Hier gibt es Mangos so groß wie Honigmelonen, „Ladyfinger“ (ein Gemüse wie kleine schmale Zucchini) und Mini-Zitronen. Dahinter ein Tuchverkäufer und wieder eins weiter einer mit Schuhen. An mir trägt ein barfüssiger  Junge in kurzen Hosen eine lange Stange mit Zuckerwatte in Neonfarben vorbei. Ein hagerer alter Mann zieht Zuckerrohr-Stangen durch ein nicht weniger betagtes Gestell mit zwei Walzräder und verkauft den frisch gewonnenen Saft in Plastikbechern. Die übrigen Rohrfasern sammeln sich auf dem Boden zu einem Haufen.

Es ist ein Unmenge an Gerüchen. Reifes Obst, Süßspeisen, Schweiß, Kuh, Moder, abgestandenes Wasser, Räucherstäbchen und -immer-: Abgase.

Ich laufe an einem Tempel vorbei. Er sieht ein bisschen aus, als hätte er sich gerade noch zwischen die Häuser zwängen können. Ein kleiner Fleck indische Ruhe mitten in diesem lärmendem Fluss. Wir sind im Land des Tuck-Tuck-Herzschlags.

In den geheimnisvollen Seitengassen drängen sich die Leute an den Kühen vorbei. Wenn eine Fahrrad-Rishka entgegenkommt wird es schon eng. Die Fahrer fangen dann an (weil sie keine Hupe oder Klingel haben) zwei gewölbten Blechschalen aneinander zu scheppen. Über einen Schnur-Mechanismus können sie das vom Lenker aus.

Ein Schmuckgeschäft reiht sich an das andere. Sie überbieten sich regelrecht an atemberaubende Handarbeiten in den Schaufenstern. Verschwenderisch schöne Colliers in irisierendem Gold, kombiniert mit Edelsteinen und feinen Kordeln. Fast immer sitzt in den Läden gerade auch ein Goldschmied und bückt sich schon über seine nächste Arbeit.

Die Zeit vergeht wie im Flug und es wird schneller dunkel als mir lieb ist. Von einer nahen Moschee aus ruft schon einer zum Gebet. Ich betrete noch einen Laden mit getockneten Hülsenfrüchten. In großen offenen Leinensäcken präsentieren sie sich da. Ich bin nicht wirklich überrascht, dass die Mäuse dazwischen durchhuschen. Eine verschindet gleich direkt im Sack. Ich denke an Onkel Dagobert wenn er im Geld badet. So ähnlich muss es sich hier für sie wohl auch anfühlen. Auf dem Rückweg kaufe ich mir noch eines der frisch am Straßenrand frittierten >> Jalebi, so etwas wie süße Teignester, heiß und fettig serviert.

Ich frage den Mann, ob ich ein Foto von ihm machen darf. Er lächelt mich an und nickt. Am Schluß zeige ich ihm das Bild am Kamera-Display und ich weiß gar nicht so recht, wer von uns beiden stolzer ist.

Bis bald,
euer Ambitionsmädchen.

Mental malträtiert

Mai 19, 2009

Guten Morgen Chennai!

Und natürlich auch guten Morgen Deutschland!

Liebe Frau Heuchelfreundin
(+ Dein Pendant mit schwarzen Haaren),
vielen Dank für euer Geschenk kurz vor dem Abflug. Aber jetzt auch mal ganz ehrlich: Schenkt man sowas jemanden, dem man die Freundschaft selbst nur vorheuchelt? Habt ihr euch wirklich gedacht, meine Trial-and-Error-Toleranzschwelle wäre höher als >> mein Frustrationslimit? Wie viele Jahre kennen wir uns jetzt eigentlich?! Meintet ihr, es macht Spaß so eine Last des „sich beweisens und es lösen wollen’s“ mit sich herumzuschleppen?
Wie kann ich glauben, es war schelmisch nett gemeint, mich trotz aller (vielleicht ja sogar) guter Absichten in den sicheren Braindead zu treiben?

Ich saß schon am ersten Tag in Frankfurt und dann um zwei Uhr nachts (!) in Dubai am Flughafen. Stellt euch bitte einen Check-In voller Inder, 30 Stunden ohne Schlaf und 2 Stunden Wartezeit zum Boarding vor. Und dazu euer f**king Käfer-Puzzle! Was für eine infame Situation in die ihr mich gebracht habt! Könnt ihr euch das Echo eines irren Lachens (ihr wisst schon, so eines kurz vor dem chronischen Schwachsinn) in einer riesigen Flughafen-Wartehalle vorstellen?
Falls ihr dachtet, ihr kriegt mich klein:

… also naja… die thailändische Frau meines Kollegen hat es am Sonntag gelöst… … aber ich könnte es natürlich auch! … wenn ich nur wöllte! Ich könnte es! Da könnt ihr euch drauf verlassen! …

Bis bald,
euer Ambitionsmädchen

Slowdown

Mai 18, 2009

Hallo meine Lieben!

Meine zweite Woche hat begonnen und ich trage (nicht ganz ohne Stolz) meinen neuen orangenen >> Salwar Kameez.

Samstag nachmittag hatte ich frei und konnte die Zeit endlich nutzen, mir (wenigstens einen Bruchteil) Chennais auch mal bei Tag anzusehen. 

Nur soviel: Wer die indischen Kleider-Shops verlässt ist wie berauscht von den schillernden Farben, den handgewebten Tüchern und ihren Motiven. Weil auch ich dagegen nicht immun bin, kam ich mit vollen Tüten und um einige tausend Rupis leichter zurück ins Appartment.

Es ist schon zu einer ausgefallenen Gewohnheit geworden: Wenn ich nachhause komme, ziehe ich mich aus und rieche an meiner Kleidung. Alles hat schon den Geruch Indiens angenommen: Eine ganz eigentümlich aromatische Mischung aus Gewürzen und Abgasen.

Wir treffen uns Sonntag Vormittag um zum „Ideal-Beach“, eine private Strandanlage zu fahren. Der 50 Kilometer-Weg führt durch Chennais Vororte, also irrsinnig volle Straßen. Links und rechts kleine Shops und Kioske, dazwischen spärliche Hütten aus Palmblättern, viele kleine heruntergekommene Häuser. Davor ganze Familien zusammen auf dem Bürgersteig sitzend. Junge Mädchen in bunten Saris im Reitersitz hinten auf dem Moped. Alles was zwei Räder hat schlängelt sich hartnäckig und gefährlich durch die Autos und die schwarz-gelben Tucktucks. Obwohl es heute bewölkt ist, und die Sonne nicht direkt vom Himmel sticht, flirrt die sowieso schon schwüle Luft von den Auto-Abgasen. Viele tragen ein Tuch um den Mund. Es soll helfen gegen den Staub, den Gestank und den Smog. In meinem Reiseführer steht, Chennai wäre ein Moloch, also eine gnadenlose, alles verschlingende Macht. Gemeint sein muss zum großen Teil der lärmende und insbesondere für „Westler“ zermürbende Verkehr. Trotzdem ein buntes Bild. Sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn. Je weiter wir den Stadtkern verlassen desto mehr Kühe und Ziegen stehen (im besten Fall nur) am Straßenrand.

Die flache Küste gibt ein seltsames Bild. Überraschend verlassen und leer. Nur hin und wieder einige Hotel-Ressorts dazwischen. Es sind noch immer die Narben des Tsunamis vor fünf Jahren.

Wir erreichen schließlich das Ideal-Hotel mit dem zugehörigen Strand. Es ist eine pompöse Anlage, die wir da durchqueren. Statuen, gepflegter Rasen, Einzelappartments. Am Meer schließlich Palmen, offene Hütten mit Blätterdächern, Hängematten und ein ungetrübter Blick auf den bengalischen Golf. Man müsste schon ein ganz verstockter Skandinavien-Fan sein, um jetzt nicht innerlich zu quietschen anzufangen.

Wir lassen uns nieder und verbringen den Rest des Tages hier. Baden, entspannen, dem Meeres-Rauschen in der Hängematte zuhören. Die Stunden entschädigen für die lange Arbeitswoche. Ich gehe die Promenade entlang und schaue den Fischern zu. An Land bereiten sie die Netze vor, auf See stehen sie zu dutzenden auf den kleinen Booten. Einer von ihnen deutet auf den Boden und warnt mich vor den fast unsichtbaren Schnüren am Boden. Es riecht nach Fisch und Salzluft.

Auf der anderen Seite sitzen einige Händler, vorwiegend Frauen. Ich lasse mich von den leuchtenden Farben anlocken. Sie verkaufen Muschel-Ketten, kleine aus Speckstein geschnitzte Elefanten und Stoffe. Wer sich den Ständen nähert wird von allen gleichzeitig umworben. „Look Look!“ von links. „Madame! Here!“ von rechts. Sie halten Ihre Tücher in die Luft, preisen ihre Waren an.

Weit abseits meiner Gruppe stelle ich mich am Abend an die offene See. Die Sonne steht schon tief hinter mir und so werfe ich einen langen Schatten in Richtung offenes Meer. Der nasse Wickelrock schlägt im Wind. Ich stehe da, blicke hinaus, bin einfach und atme.

What a incredible India.

Bis bald,
euer Ambitionsmädchen

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Just listening
>> OST Dehli-6 – Arziyan
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