Salz auf der Zunge

Hallo meine Lieben,

ein Teil meiner Jujuyreise fehlt bisher noch. Heute hol ich es nach und schreibe euch, von den „Gran Salinas“, den grossen Salzwüsten.

Es ist halb zehn morgens, als wir am Treffpunkt frisch geduscht und gestärkt eintrudeln. Vorher erwerbe ich auf dem Weg dorthin noch sicherheitshalber die nächstbeste Sonnenbrille und glaube dem Verkäufer einfach (weil ich es will), dass eine Brille für umgerechnet 2 Euro meine Augen auch nur irgendwie… vor wenigstens irgendwas schützen kann. Wir verladen unsere Rucksäcke in den Kleinbus und kurz darauf geht es auch schon los nach Pumamarca, dem Dorf um den „Cerro 7 colores“, den Berg der 7 Farben herum.
Mangels freien Sitzen lädt mich unser Führer zu sich nach vorne ein. Ebenfalls vorne sitzt noch ein Franzose. Jean-Piere stellt er sich mir auf spanisch vor und schiebt sich seine „Mercedes“-Sonnenbrille (mit Befestigungbändchen um den Nacken) auf der Nase zurecht. Er wird mir auf der weiteren Fahrt noch ungefragt von allen Ländern Südamerikas einzeln erzählen; wie schön es doch dort ist und da und da hat er einen Freund und überhaupt! Er macht es nicht auf die sympatische Backpacker-Art, sondern auf die Weise „blasierter Kotzbrocken“. Ich seufze innerlich, dass ich (bitte bitte!) nicht auch einen so verdammt furchtbaren Akzent beim Reden besitze.

Wir fahren die Straße immer entlang der kaputten Bahngleise und nach einer halben Stunde sind wir in Pumamarca. Kurzer Halt in der Nähe des Dorfplatzes. Es ist Markt und leuchtet in strahlenden Farben.


Emsiges Gewusel und Geplapper, Touristen wohin man auch blickt. Der ganze Platz ist voll(!) von Händlern, die traditionelle Waren verkaufen. Manches ist so schrill bunt, so kommerziell aufgemacht, dass ich allerdings ein „Made in Taiwan“ dahinter vermute. Die Einheimischen sind schließlich auch nicht doof. Jean-Piere ist nun stolzer Besitzer einer Panflöte mit neonfarbenen Kordeln. Wir decken uns mit genügend frischem Wasser ein und machen uns mit unserer Gruppe auf dem Weg nach Nordwesten, einen weiteren Paß über 4000 Meter hinauf. Damit wir alle ganz gewiß auf Südamerika eingestimmt sind, legt der Guide zur musikalischen Untermalung eine CD mit peruanischer Folklore ein.

Herr M.O. und ich sind -im Vergleich zur der restlichen Gruppe- verdammt cool und abgebrüht. Kein Wunder, denn die Straße heute ist geteert und ungefähr 4x so breit wie die staubigen Serpentinen am Vortag. Es gibt Leitplanken und die Steigung ist verhältnismäßig sachte. Der Ausblick ist trotzdem atemberaubend schön. Herr M.O. legt sich ein paar Cocablätter in die Backe, obwohl es ihn jedesmal davor („echt!“) ekelt. Seine Angst vor Kopfschmerzen scheint größer, als die vor spontanem Brechreiz.
Wir arbeiten uns langsam den Hang hoch und was von unten noch aussah wie eine Schlucht, ist in Wirklichkeit ein gewaltiger Riß in den Bergen. Unser Guide erzählt von den verschiedenen Lama-Arten in dieser Gegend, zeigt uns in den Tälern wo die Erzmienen liegen und deutet auf einzelne grünen Inseln an den sonst kargen Steinhängen. Fruchtbaren Boden gibt es auch dort nur bei den Wasserquellen, wie in einer Wüste. Jean-Piere filmt (! nicht schießt!) mit seiner Digitalkamera Panoramas wie ein Bekloppter.
Wir überqueren den Paß mit einigen Fotoshooting-Stops und kommen schließlich dem weißen Horizont, den „Gran Salinas“ auf einer Hochebene immer näher. Wie gebannt starren wir auf den hellen Streifen, der vor uns immer größer wird. Die Salzwüste hat in etwa Ausmaße von 6 x 60 Kilometer und ist in der Tat beeindruckend. Umso überraschter sind wir, als unser Guide knallhart einfach quer hindurchbrettert und die Salzwüste plötzlich hinter uns liegt. „Wir gehen jetzt erst alle noch Mittagessen“, antwortet die Dame vor mir, der ich leicht irritiert auf die Schulter klopfe.

Wir fahren gute 7 Kilometer weiter. Zuerst Straße, dann Feldweg, dann nichts. Nach einer Weile Lamas, eine Windmühle und in der Ödnis plötzlich ein Dorf aus Lehmhäusern mit Strohdach. Und ich dachte schon mein Heimatdorf wäre der >> „culo del mundo“ 😉

Herr M.O und ich zwingen uns mutig zum diesmal (selbst für mich) stark grenzwertigen Essen („Schnitzel des Todes?“). Es kann sein, dass ich mich täusche, aber aus den Augenwinkeln sehe ich, wie die Gabel von Herrn M.O. leicht zittert. Auf das Spiegelei und die Schleimsuppen-Nachspeise verzichte ich dankend und die Cola trinke ich wieder direkt aus der Flasche.

Nach Abfertigung unserer Gruppe ist es bereits fast vier Uhr nachmittags und ich bin leicht genervt. Diese Gruppentouren konnte ich noch nie leiden. Als wir endlich wieder zurück in der Salzwüste sind, informiert uns unser Guide, wo wir uns in einer Stunde wieder treffen. Eine Stunde?! Auch schon egal…

Wir seilen uns von der Gruppentraube ab und machen uns allein auf den Weg. Es gibt sowieso nur zwei zentrale Punkte. Einmal direkt das Gebäude an der Straße und dann noch in knapp ein Kilometer Entfernung mitten im weiss der Salzwüste einen dunklen Fleck, den vereinbarten Treffpunkt.

 

Wie soll man eine Salzwüste beschreiben? Der Wind ist unbegremst und so stark, dass man sich dagegenlehnen kann. Schon nach wenigen Minuten hat man einen permanenten knirschenden Salzgeschmack im Mund und gegen das blendende Weiss hilft nur eine starke Sonnenbrille. Ich benetze meine Fingerspitze mit Speichel, tupfe damit auf den Boden und probiere wie ein Drogenkommisar am Koks. Wer hätte es gedacht?! Tatsächlich Salz! Wir wandern gegen den Wind auf der scheinbar vereisten Fläche in Richtung des dunklen Flecks und müssen dabei unsere Sachen festhalten, so stark sind die Böen. Je näher wir ihm kommen, desto mehr erkennen wir.
Es ist in Wirklichkeit eine Art Arbeiterinsel. Hinter spärlichen Verschlägen und total vermummt schnitzen hier einige Einheimische kleine Figuren aus massivem Salz. Wenn sie nicht mit Touristen beschäftigt sind, gewinnen sie das Salz aus kleinen Wasserbecken und verkaufen es dann, die Tonne für 13 Peso. Das sind selbst mit sehr gutem Kurs gerechnet nicht einmal 3 Euro.

Was hier so wunderschön aussieht ist in Wirklichkeit eine undankbare Knochenarbeit in einer unmenschlichen Umgebung.

Die Stunde geht schnell vorbei und ich habe das Gefühl, es sind fast alle sogar ein bisschen froh. Diese Landschaft ist so rau, so wortwörtlich wüst, so irreal.
Wir fahren direkt zurück. Ich bin müde und versuche im Bus zu schlafen. Die Dame vor mir hat angefangen zur Panflötenmusik zu singen und der Rest applaudiert ihr, auch Jean-Piere. Ich weiss nicht. Mir ist nicht nach singen. Es ist wie ein schaler Nachgeschmack im Mund… ich frage mich, ob es wirklich nur vom Salz kommt.

Bis bald,
euer Ambitionsmädchen

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2 Antworten to “Salz auf der Zunge”

  1. Zorro Says:

    ich freu mich schon auf weitere Bilder und noch mehr erzählungen!

  2. Netzwissen.com-Blog » Blog Archive » Meersalz - Das weiße Gold aus dem Ozean Says:

    […] Salz auf der Zunge « Ambitionsmädchen […]

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