Iruya

Hallo ins kalte Deutschland!

Ich bin inzwischen eine Profi-Pool-Putze und werde demnächst Geld für diesen Service verlangen. Die Zeit in diesem wunderschönen Haus tut gut, ich genieße den unverhofften Luxus sehr. 🙂

Heute also die Fortsetzung:

Mittwoch
Wir haben ein Ziel: Iruya. Beim Frühstück im Hostel erklärt uns die Angestellte, dass es von Humahuaca aus täglich nur einen Bus in die abgelegene kleine Stadt gibt. Humahuaca wiederum liegt nur etwa 1 Busstunde nördlich von Tilcara, unserer „Basis“. Wir machen uns auf, trotz der Zweifel, ob wir am gleichen Tag eine Rückfahrmöglichkeit finden und Donnerstag rechtzeitig für die Tour zur Gran Salina (dazu an einem der nächsten Tage mehr) zurück sein werden. In einer kleinen Farmacia kaufen wir noch -ganz ohne Grund… einfach so…- eine Packung Kohletabletten.

Die Fahrt nach Humahuaca ist nicht weniger beeindruckend als die Anreise. Je weiter wir den weitgestreckten Serpentinen nach Norden folgen, desto mehr ändert sich das Landschaftsbild und die Schlucht öffnet sich zu einer Hochebene.

In der Stadt am Busbahnhof angekommen, schließlich die große Überraschung. Zeitgleich mit uns hatten geschätze 400 Dreadlock- und Rastastudenten die selbe Idee wie wir. Alle wollen nach Iruya. Es gibt außerdem nicht einen sondern gleich 6 Busse, die diese Route fahren. Dumm nur, dass an den Ticketschaltern bis auf’s Blut um die raren Fahrkarten gekämpft wird. Mein Hut strahlt wohl Autorität aus, denn tatsächlich drängelt sich (und zwar nur an mir) kein junges Göhr vorbei. Ich ergattere für den letzten Bus noch 2 Karten. „Wann fährt er ab?“ „Jetzt!“ Wann denn die Rückfahrt sei, frage ich bevor ich weggeschubst werde. Ich höre gerade noch wie sie mir „Da müssen Sie schon in Iruya fragen!“ zurückruft. Der Rest geht im Geraune der Masse unter. Ich kämpfe mich aus dem Menschenauflauf frei und sehe schon (dank Hut) Herrn M.O. in der Menge aus Fahrgästen und Essensverkäufern. Links und rechts hält er stolz zwei frisch erworbene Wasserflaschen hoch. Ich bedeute ihm, dass wir sofort(!) zum Bus laufen müssen. An den Plattformen fahren schon die ersten der bunten Busse ab, die anderen laden noch das Gepäck der Fahrgäste auf das Dach. Wir haben Glück und schaffen es noch gerade so.

Der ersten 15 Kilometer der Strecke fahren wir noch auf geteerter Straße weiter Richtung Norden. Ohne dass ich Herrn M.O. damit sonderlich beeindrucken kann, schilde ich ihm, wie toll diese Landschaft doch wäre um kreuzfeldein mit meinem Motorrad zu fahren. Dabei ahme mit einer Handbewegung den Verlauf des Horizontes nach. Man könnte zum Beispiel diesen Feldweg da rein und einfach in die Berge dort fahren, ganz ohne Ziel. Er nickt während meiner Ausführungen etwas uninteressiert, bis… wir mit dem Bus in genau diesen Feldweg einbiegen.

Es ist staubig, also eigentlich wirklich nichts neues. Die 50 Kilometer  Schotterweg sind grob und führen dazu, dass wir bis Iruya durchgerüttelt werden. Im Bus hängt der aufgewühlte Staub in der Luft. Die Berge durch die wir fahren muten an wie gewaltige Geröllhaufen. Das einzige das wächst sind kleine Dornenbüsche. Bis zum höchsten Punkt auf 4000 Meter Höhe (ich kaue wie wild meine Coca-Blätter) passieren wir genau 1 Dorf, 9 einzelne Häuser (teils verlassen, teils bewohnt), nur wenige und dann auch winzige Mais- und Cocafelder, 5x das selbe Flußbett, 1 einsame Kirche (samt Friedhof), wir setzen 2x mit dem hinteren Teil des Busses auf und verlieren daher einen Auspufftopf. Ich versichere mir und Herrn M.O. „bei einem Film würde ich denken, ‚Naja, also jetzt wird’s aber unrealistisch!'“. Zufrieden lächelnd findet er es aber nur „Ganz weit vorn! Ein Abenteuer!“.

Nach knapp 2 Stunden Fahrt sind wir am Scheitelpunkt des Passes angekommen und der Busfahrer gewährt allen eine Foto- und/oder Pinkel- und/oder Rauchpause. Als ich aussteige bleibt mir schon wieder der Mund offen. Wir blicken weit in die Tiefe eines Tales von enormen Ausmaß. Wir sind so hoch, dass die Wolken auf der gegenüber-liegenden Seite in gleicher Höhe hängen. Rechts von uns ein gewaltiger roter Berg, der noch weit über sie hinausragt. Die Serpentinen weit unter uns, sehen aus wie die Kornkreis-Muster die angeblich die Ufos hinterlassen.

iruya03(Klick mich dann werde ich ein tolles Panoramabild!)

Vom Wind nur durch eine flache Steinmauer geschützt hockt etwas abseits eine junge Frau mit ihrer Tochter. Beide tragen Anorak und Mütze. Ich kaufe ihr eine kleine Holzschüssel ab und frage, ob ich sie fotografieren darf. Sie lächelt und winkt mir sogar zu. Der Busfahrer hupt schon. Ich schieße schnell das Foto und winke ihr zurück. Nachdem unser Proviantrucksack eh schon aus den Nähten platzt, hat mein Begleiter nur wenig Verständnis für meine Schüssel.

Im Reiseführer stand „die Fahrt ist nur etwas für starke Nerven“. Bei der folgenden Fahrt ins Tal wird klar warum. Die Befestigungs-Qualität des Weges nimmt zusammen mit seiner Breite und der Kurvenradien in genau der Weise proporional ab, wie die Geschwindigkeit des Fahrers und die Tiefe des Hanges der keinen halben Meter neben uns klafft zunehmen. Ich bin froh, dass wir nicht so weit vorne sitzen. Wenn der Fahrer nämlich die Kurven nimmt, ragt der Vorderteil des Busses zum Teil über den Rand hinaus. Das geht natürlich nur, weil es keinerlei Steckenplanken gibt. Ich ertappe mich bei Überlegungen, wie oft wir uns wohl überschlagen würden, bis das Gefährt zum Stilstand käme.

Wir kommen überraschenderweise nicht von der Fahrbahn ab, sondern nach einer weiteren Stunde heil in Iruya an. Ich besorge uns als allererstes zwei Rückfahrkarten und teile Herrn M.O. mit, dass wir nun genau 2 Stunden Zeit haben, bis es wieder losgeht. Anscheinend hört unser Gespräch ein leicht verwahrloster Zeitungsverkäufer. Er kommt zu uns her und spricht uns an. Wir kommen ins Gespräch und Pablo, wie er sich uns schnell vorstellt erzählt, dass er früher in Buenos Aires Deutsch studiert hat. Nun sei er ein alter Mann und bräuchte etwas mehr Ruhe, deshalb sei er seit zwei Jahren hier, veröffentlich alle 2 Monate eine kleine (wirklich sehr kleine) Zeitung und lebt von dessen Verkauf. Ich frage ihn, wo wir denn gut essen könnten und er führt uns in eine abgelegene Gasse neben dem Dorfplatz und von da aus wiederrum zu einem kleinen Eingang. Das sei ein nettes Gasthaus und hier gäbe es typische Speisen von hier. Wir bedanken uns, kaufen ihm eine Ausgabe seiner Zeitung ab und gehen durch die Tür.

Wenn man von außen die beiden kleinen Räumen betritt, müssen sich die Augen erst an die Dunkelheit gewöhnen. Es dauert einen kurzen Augenblick, bis ich die drei Tische mit Stühlen sehen kann. Der Geruch ist „authentisch“ und die vielen Fliegen… ja die gehören halt dazu. Wir bestellen von der Karte (in Wirklichkeit ein handbeschriebener, zerfledderter Karopapier-Zettel). Herr M.O. hat keine Lust auf Experimente und bestellt aus den 3 Optionen das Schnitzel. Ich bin mutiger und bestelle von dem ich glaube es noch nie in meinem Leben gelesen zu haben. (Erst beim Warten werde ich denken: „Oh je, und wenn’s jetzt Maulesen war?“)

Während Herr M.O. seine Cola genüßlich aus seinem Glas trinkt, informiere ich ihn, dass ich aus der Flasche trinken werde, weil ich keine Lust auf -sagen wir- Diarrhö habe. „Na toll, das hättest Du auch früher sagen können“ Er ist ein bisschen beleidigt und ich grinse fies.
Ich gehe noch kurz auf die (Holzverschlag-)Toilette. Als ich dazu die 2qm-„Küche“ durchlaufen muss und einen gratis Einblick in das Hygieneverständnis der Inhaberfamilie bekomme, ahne ich schon, dass es vollkommen egal ist, ob ich die Cola aus der Flasche oder dem Glas trinke.

So meine lieben, und weil das nun schon so viel ist, geht es morgen weiter. 😉

Bis bald,

euer Ambitionsmaedchen

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7 Antworten to “Iruya”

  1. Hortense Says:

    Ich glaube, das ist das erste Mal, dass ich deine Berichte ohne diesen kleinen Stachel von „Ooch, ich möchte jetzt auch gerne..“ lesen und einfach nur genießen kann!
    Und nach diesem wunderbaren Ende meiner ausgedehnten „Frühstücks“-Zeit gehe ich jetzt raus, durch verschneite Felder springen.
    Liebe Grüße vom anderen Ende der Welt 😉

  2. ambitionsmaedchen Says:

    Oh… jetzt bin ich verunsichert… ich hoffe, meine Ausführungen waren nicht unangenehm detailreich? Dabei hab ich eh schon probiert, mich ganz dezent auszudrücken…
    Iruya ist nichtsdestotrotz nämlich absolut sehenswert… aber der Teil folgt erst noch 😉
    Liebe Grüße

  3. Hortense Says:

    Nein, Inkeinsterweise, da hab ich mich aber mal ungut ausgedrückt!
    Wenn Iruya noch besser wird, möchte ich vielleicht doch wieder gerne.. –
    Mich hat es inzwischen nach Finnland verschlagen, und ich bin so beschäftigt, dieses zu entdecken und mich über jenes zu freuen, dass mein Drang, JETZTSOFORT in ein Flugzeug zu springen, den ich sonst gerne beim Lesen deines Blogs verspüre, derzeit schlichtweg fehlt.
    Was mich sehr vergnügt stimmt, aber deine Ausführungen natürlich in keinster Weise als undezent oder unangenehm Detailüberlaufen wahrnehmen lässt 😉
    Ich lese hier sehr gerne und sehr begeistert mit!
    So, nun aber genug mit den Komplimenten – wo bleibt der nächste Teil!?

  4. Zorro Says:

    Ich sitze wiedermal an Marketing, als Pause und zur Aufheiterung lese ich (wie immer) deine Erzählungen.
    Heute ist wiedermal ein ausgesprochen fiesser Tag!!!

    Ich will auch ABENTEUER ERLEBEN!!! COOLE LANDSCHAFTEN BESTAUNEN, FREMDE LÄNDER UND MENSCHEN KENNEN LERNEN!!!
    Und nicht zuletzt, am liebsten MIT DIR!!!

    Ich beneide dich sehr (selbstverständlich, oder?) und wünsche Dir trotzdem noch viele weitere Abenteuer!:)

  5. PaulJohann Says:

    Habe mich köstlich amüsiert! Bin 2008 ebenfalls dort gewesen. Gab noch ein paar Probleme mehr dabei. Wir sind ein paar Tage in Iruya geblieben. Interessante Wanderungen möglich. Beste Grüße!

  6. ambitionsmaedchen Says:

    Hallo PaulJohann, na dann freut es mich! 😀 Ich hoffe, ich habe alles so wiedergegeben, dass Du die Abenteuerlichkeiten bestätigen kannst?! Liebe Grüsse zurück und auf wiedersehn! 🙂

  7. PaulJohann Says:

    Hallo ambitionsmaedchen, Du hast das absolut richtig widergegeben. Wir hatten außerdem noch das „Glück“ eines Reifenwechsels mitten während der Abfahrt und mussten 2 Mal zurücksetzen weil ein LKW zu weit in die Kurve hineingefahren war. Außerdem saßen wir in der 1. Reihe! Was das heißt, hast Du selbst gesagt.
    Auch wenn es nicht glaubhaft klingt: Anfang April werden wieder dorthin fahren! (Von dort gehts dann für 3 Monate weiter nach Bolivien und Peru).
    Wünsche Dir noch viele schöne Erlebnisse.

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