Archive for September 2008

„Gute Nachrichten“ oder „Salta – die Schöne“

September 9, 2008

Hallo meine Lieben,

es gibt mehrere gute Nachrichten. Die erste… hmmm… zuerst. Die Waldbrände rund um Córdoba sind gestoppt. Vergangenen Freitag hat es nämlich -man höre und staune- zu schneien begonnen. Die Feuerwehrmänner haben sich Schneemänner gebaut und zur Feier des Tages alle Sirenen gleichzeitig angestellt.

Gute Nachricht Nummero zwei: Ich war beim Einsetzen des Schneefalls nicht in Córdoba, sondern in Salta, weit oben im Norden Argentiniens. Dort war es zwar am Anfang nicht wirklich warm („Hey schau mal, mein Atem wird weiß!“), doch eine gnädige Abwechslung zum vierspurigen Verkehrslärm vor meinem Fenster. Salta ist anscheinend so eine Art Pflichtprogramm für jeden Argentinien-Besucher. Entsprechend erwartungsvoll kamen wir frühmorgens an, suchten uns gleich eine Bleibe und erkundeten nach dem Frühstück die Stadt. Vor einem abgelegenem Klostereingang kamen wir mit „Victor“ ins Gespräch, einem jungen Latino, der davon lebt, seine selbstgeknüpften Ketten und Armbänder in ganz Südamerika zu verkaufen. Eine Stunde später und um einige Mitbringsel für Deutschland reicher fuhren wir mit der Seilbahn auf den nächsten Berg.


Den Rest des Tages verbrachten wir im Duft frischer Zuckerwatte und zwischen ständig wechselnder Cumbia-Musik in der Menschenmenge auf einer langen Feria entlang des Parks. Dort verkaufen die Händler jeden Samstag und Sonntag ihre Souvenirs, selbstgebackene Süßigkeiten oder traditionelle Leder- und Strickwaren. Der Einfluß des angrenzenden Bolivien spiegelt sich in den Gesichtern der Menschen und ihren Arbeiten wieder. Argentinien ist hier so anders als im Süden.
Das merkten wir auch am nächsten Tag. Wir hatten einen Reitausflug gebucht und meiner anfänglichen Skepsis, es wäre eine banale Touriabzocke verflog schnell. Ein Angestellter des Hofes holte uns morgens mit seinem alten Fiesta ab. Beim Hinweg pickten wir noch ein engländisches Pärchen aus einem Hostel auf und eine gute dreiviertel Stunde und viele besorgniserregende Schlaglöcher später waren wir an unserem Ziel angelangt: ein riesiges, spärlich besiedeltes, trockenes Valley südöstlich von Salta. Von Straße konnte keine Rede mehr sein. Etwa 4 Kilometer abgelegen vom letzten kleinen Dorf, führte nur ein grobkiesiger staubiger Weg zum Hof. Nur vereinzelt gab es kleine Lehmhütten, jede bewacht von mindestens einem zotteligen Hund. Aus den vielen Kindern folgerte ich, was die Menschen hier wohl in einer derart verlassenden Gegend so machen.
Die Leute auf dem Hof waren großartig und die Atmosphäre angenehm freundlich und entspannt. Gute drei Stunden zeigte uns ein echter Gaucho seine Heimat. Leider habe ich seinen -für europäische Ohren- höchst befremdlichen Namen vergessen. Unauslöschlich eingeprägt hat sich mir aber die weite Landschaft, die frei laufenden Pferde und -hört hört- mein erster Galopp. „Es como sobre un hombre!“ also „Es ist wie auf einem Mann“. Kein Wunder hat es ein Weilchen gedauert, bis ich den Trick draußen hatte. Richtig cool fand ich mich dann mit einer guten Portion Cocakraut in der Backe. Die hatte er mir von seinem Vorrat abgegeben. Keine Sorge übrigens! Außer einer tauben Innenbacke und tauben Lippen blieb jeglicher (mit Spannung erhoffte) Effekt aus. Achso, die Spucke wird noch gelb, sonst nix.


Zum Abschluß erwartete uns bei der Rückkehr noch ein >> Asado, also die argentinische Variante von Grillen, naja so ein bisschen wie Grillen… eigentlich mehr so XXXL von Grillen. Zusammenfassend also ein großartiger Tag und ein großartiger Tripp. Wer möchte kann über die Farm mehr unter >> dieser Website erfahren.

Und schließlich eine letzte „Good News“. Zum Thema peinliche Sprachfallen gibt es einen weiteren Beitrag. Ich kann ihm nur Gutes abgewinnen im Wissen, dass mir weitere Schmach erspart bleiben wird.
Schon kurz nachdem ich in Córdobas Zentrum des guten Geschmacks und der billigen Delivery-Services wohnhaft wurde, hatte ich mir einen schönen Satz zurechtgebastelt. Natürlich ist mir klar, dass mir „Cuando puedo volver para recoger?“ („Wann kann ich zum Abholen wiederkommen?“) weder einen Pokal für Kreativität, noch für Sprachgewandtheit, geschweige denn grammatikalischer Rafinesse einbringen wird. Doch ich hielt ihn für alltagstauglich und angemessen, um an meine georderten Pizzen, Empanadas oder an meine Sachen aus der Wäscherei ranzukommen. Soweit so gut. Meine letzte Spanischstunde bei Michelle war unverhofft sachdienlich. Soviel habe ich gelernt: tatsächlich benutzt man das Wort „recoger“ im Kontext von „etwas abholen“ nur in Spanien.
Sie erläuterte mir die südamerikanische Bedeutung des Verbes, indem sie Zeigefinger und Daumen der einen Hand zu einem Ring formte und den Zeigefinger der anderen Hand mehrmals hindurchsteckte. Ich tippe meine dann einsetzende Gesichtsfarbe auf aschfahl. Um wirklich jedes Missverständnis auszuschließen, fragte ich sie auf Englisch, ob ich ihre Geste richtig deutete. Leider kein Zweifel und es sei genau dieses Wort… nein, kein anderes… nein, keine andere Umschreibung… ja, genau dieses. Ich konnte ein Japsen nicht unterdrücken.
Seit fast zwei Monaten frage ich die Leute hinter der Theke, wann ich wiederkommen kann „zum Fi**en“. Vor meinem geistigen Auge sah ich mich zurückversetzt in die vergangene Woche, als ich -stolz auf meinen toll auswendig gelernten Satz- den Ober im Lomo-Restaurant breit und erwartungsvoll anstrahle …und er mir mit einem breiten Grinsen antwortete.

So viel geschrieben… hach… war halt nötig! 😉

Bis bald,
euer Ambitionsmädchen

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Zunder

September 2, 2008

Hallo meine Lieben,

am Horizont wird es hell. Draußen klappern die Fensterläden. Der starke Wind treibt Staubwolken und Müllfetzen durch die Straßen. Alles was weiter weg als zwei Häuserblocks liegt, erkennt man seit Ende letzer Woche sowieso nur noch schemenhaft. Die etwa 30 km entfernten Sierras, von denen Córdoba  eingekesselt ist, >> brennen seit Tagen. Innerhalb von zwei Wochen ist die Temperatur von 11 auf 31 Grad gestiegen. Und die monatelang trockene Erde in den Wäldern brauchte nicht mehr, als einen einzigen Funken um aufzulodern. Was ich zunächst für unglaublich anstrengenden Smog hielt ist nichts anderes als die Rußwolke, die der Stadt den Atem raubt. Er bedeckt alles und drängt sich durch jede Fensterritze: sogar mein Bett hat ein bisschen was von Stracciatella bekommen.

Gestern hörte man den ganzen Nachmittag wieder laute Knalle. Manchmal möchte ich mir gar nicht vorstellen, von was genau. Seit ich hier bin, vergeht keine Woche ohne Aufruhr und >> mindestens eine große Demonstration.  Wenn sich der Staat in den Weg stellt, kracht es. Von der einen Seite werfen sie Steine und dicke Chinaböller, von der anderen kontern sie -wenn das Säbelrasseln mit der Pumpgun nicht ausreicht- mit Gummigeschossen.  Die seit Monaten anhaltende Unzufriedenheit der Bevölkerung wird durch ungeschickte Politik und den Konsequenzen -es scheint mir- jahrelanger Korruption zusätzlich befeuert. Ich kenne mich bestimmt nicht gut aus, mit argentinischer Innen- und Außenpolitik, doch ein bisschen hat man das Gefühl, hier steht sich ein Land selber im Weg. Das Wissen um diese Probleme trübt meine Zeit an diesem Ort. Gerade so, wie Ruß von weit entferntem Feuer. Nachts erkennt man den roten Streifen am Horizont.

Euer Ambitionsmädchen

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Just listening:
Portishead – Sheared times
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