15.09.07 – On The Road Again

Es gab noch nicht mal Frühstück, da sitzen R und ich beim Krisengespräch. Des Nachts hat R (wie immer) geschnarcht und im Schlaf habe ich ihm wohl so einen heftigen Seitenhieb verpasst, dass er anschließend auf die Zweisitzer-Couch auswanderte und nun entsprechend gerädert und ernst mit mir spricht. Er erwägt tatsächlich alles abzubrechen und notfalls allein über Frankreich wieder zurückzufahren. Bereits gestern waren kurz aneinandergerumpelt. Ich traue mich schlicht und einfach nicht, so flott und souverän in die Kurven zu gehen wie er. Aus diesem Grund hängt er mich immer wieder ab und ich hechle hinterher. Wir haben beide weniger Spaß. Er, weil er langsamer fahren muss; ich, weil ich nicht hinterherkomme. OK, das Schnarchen ist echt fies, aber an Abbrechen würde ich deshalb doch noch lange nicht denken! Wir sprechen uns aus und ich bin froh, dass wir noch nicht aufgeben. Es folgt ein Abschiedsfrühstück mit den Jungs und wir brechen auf ins Landesinnere. Hinter dem halb offenem Visier singe ich: >> Willie Nelson’s „On The Road Again“ und bin bester Dinge. Zunächst wählen wir die Nationalstrasse und kommen gut voran. Nach ca. 50 Kilometer fängt es dann an. Doktor Suzuki beginnt zu hicksen, als hätte er einen 2-Takt-Schluckauf. Kein gutes Zeichen. Wenige Meter weiter knallt der Auspuff wie ein alter Rangerjeep und das Motorrad wird trotz unnachgibigem Gasgebens immer langsammer und bleibt schließlich stehn. Ich kann gerade noch auf den 50 cm Standstreifen rollen. R ist vor mir unterwegs und kommt erst nach einigen Minuten zurück. Offensichtlich hat er mich dann doch irgendwann im Rückspiegel vermisst.
„Kaputt!“ sage ich wie eine echte Frau und unterstreiche meine Diagnose mit einem Schulterzucken. Wir tauschen Motorräder und obwohl die Maschine nochmal anspringt gelingt es auch R tatsächlich nur wenige Kilometer zurückzulegen, bis wir wieder anhalten müssen. „I verwedd moin Arsch drauf, dass de sched koin Benzin griegt“, spekuliert der langjährige Mopedfahrer. Auch wenn mir das jetzt keiner glauben mag, aber ich dachte mir schon, dass es wohl am Benzinfilter liegt. Bevor wir unsere Tour gestartet hatten, habe ich die Zuleitung nämlich noch erneuert. Ärgerlich, dass ich die ganze Arbeit und den aufgeschürften Ellebogen (darauf gehe ich jetzt aber nicht ein) umsonst einstecken musste. In weiser Vorraussicht habe ich aber ein Stück Gummischlauch eingepackt und ziehe es triumphierend -und sehr zu Mister R’s Erstaunen- aus dem Rucksack. Für die kundige KfZ-ler unter uns: Wir bauen den Filter kurzerhand aus und legen die Zuleitung direkt zum Motor. Und siehe da, Doktor Suzuki knattert wieder wie gewohnt und fährt wie eine eins.

Nächstes Ziel: >> Morella
Allein die Serpentinen zu dem 1070m hoch gelegenen Städchen sind großartig. Und ich denke wieder: Doktor Suzuki ist flink wie ein junges Bergzicklein! Es macht einfach wahnsinnig viel Spaß sich durch (zur Abwechslung mal sattes grün und) die engen Straßenschlaufen hochzuarbeiten. Und ich merke, dass R tatsächlich Rücksicht nimmt und ich aber auch gelassener werde, wenn er dann doch mal an Stellen überholt, die ich -selbst jetzt noch- als (vorsichtig formuliert) „uneinsichtig“ und „gewagt“ bezeichnen würde. Wir erreichen das Hochplateau, fahren noch um eine Felsecke und dann sehen wir sie schon vor uns in einigen Kilometern Entfernung. Die >>Burg Morella, die – eh schon hoch gelegen, sahnetoppinglike- auf einer einzelnen Anhöhe sitzt. Die alten Häuser der Stadt schmiegen sich wie eine Katze um den Fuß der Burg. Was für ein grandioser, ergreifender Anblick bei jedem Kilometer den wir uns nähern!
Mit Motorrädern finden wir direkt unterhalb der Burg einen Parkplatz und laufen hoch. 1 1/2 Stunden verbringen wir damit uns den Zeitzeugen bewegter spanischer Historie anzusehen. Der ausführliche und mittlerweile ganz abgegriffene, abgeregnete und verkuddelte Burgführer liegt, als ich dies schreibe, neben mir. Sinngemäß heißt es da:
„Als stummer Beobachter, doch gleichzeitig aktiver Teilnehmer der Geschichte von Morella und des umliegenden Landes hat die Burg in ihren Mauern Könige und Päpste, Heilige und Generäle, Dichter und Ritter, Helden und Verräter gesehen.“

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Als Tor von der Küstenregion Katalonien nach Aragonien dauerte seine Geschichte 900 Jahre, stehts von Machtkämpfen und Herrschsucht gekennzeichnet. „Naja… ein bisschen abgekämpft sieht sie schon aus“, denke ich. Jedesmal, als wir eine der zur Schau gestellten Kanonen sehen, posieren dort heroisch die Männer und ihre Frauen knippsen eifrig gegen die Sonne. Ich frage R, ob er auch ein heroisches Bild von sich möchte. Er verneint. Wir essen in der Stadt. Nachdem er auch meine komisch riechenden Lammkottletts gegessen hat (beim besten Willen bringe ich die nicht runter), laufen R und ich durch die touristisch optimal aufbereiteten Gassen. R kauft 5 Steinschleudern für seine Neffen und ich hadere sehr lange mit mir, ob mein bester Freund Herr O. daheim wohl auch eine gebrauchen könnte. Über 30 dürften die Einsatzgelegenheiten dann aber wohl doch zu spärlich sein, als dass sich diese Investition lohnen würde.
Wir ziehen weiter Richtung Südwest. Stundenlang, einsam durch steinige, karge Gebirge. Soweit das Auge reicht nur unzählige, wer weiß wie viele hundert Jahre alte Steinmauern. Die Vegetation besteht lediglich aus einigen dornigen, niedrigen Büschen. Trüber Himmel, es ist kühl, aber nicht kalt. Hin und wieder eine Art verlassene Hütte, doch mehr Iglu, nur aus unzähligen kleinen Steinen gebaut. Als ein gewaltiger Adler mit seinen weit gespreizten Schwingen vor uns im Tiefflug die Straße kreuzt bleibt mir der Atem stehn. Nicht vor Angst, sondern weil ich nicht glauben kann, dass uns so etwas kitschig schönes gerade jetzt passiert. Wir fahren durch wirklich(!) tiefe Schluchten und über schmale Brücken. Am höchsten Punkt des Passes steht eindrucksvoll eine meterhohe Marienstatue mit Heiland im Arm. Die Landschaft wird mit der Zeit wieder sanfter, doch nach jeder Kurve sehen wir ein neues spektakuläres Tal. Ich denke: „So muss es wohl sein, durch den Grand Canyon zu fahren.“ und gleichzeitig ärgere ich mich, dass ich dieses Land immer wieder vergleichend beschreibe. Es fehlen mir einfach die Worte, die Eindrücke angemessen zu schildern, ohne dass etwas verloren geht. Egal wie viel ich schreibe, ich werde sowieso an diesem Anspruch scheitern.
Es wird spät und wir beschließen uns langsam eine Bleibe für die Nacht zu suchen. In einem abgelegenem Bergdorf namens Manzanera werden wir fündig. Wir quatieren uns in ein 6qm großes Zimmer mit 2 Einzelbetten am Campingplatz. Auf dem Gang gibt es zwei Gemeinschaftsbäder. Kein Luxus, aber wir sind vollkommen zufrieden, reicht es für uns doch bei weitem aus. Außerdem sind wir wohl die einzigen Gäste. Wir duschen und laufen noch spazieren.

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Es gibt genau zwei Bars im Dorf. Aus der ersten kommt uns eine Spanierin im Chinesenkostüm entgegen. Wir sehen uns augenbrauenhebend an und verzichten auf weitere Recherchen. Vor der nächsten bleibe ich erst mal stehen und lese den Aushang. „Hey, ich versteh kein Wort von der Karte!“ „Das ist auch der Busfahrplan und keine Karte“. Mein Gott wie peinlich! Nichts wie rein und ein Cerveza bestellt.

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