14.09.07 – Offroad

Wir entlasten die Jungs von unserer Anwesenheit und machen einen Motorradausflug. R verspricht mir, dass es ein großer Unterschied sei, ob man mit oder ohne Gepäck fährt. Nachdem ich am Vortag schon fast ein bisschen bereut hatte nicht mitzufahren, glaube ich ihm einfach. Wir brechen nach einem zeitigen Frühstück auf, um die noch kühle Morgenluft zu genießen. Über die Straße direkt am Strand hinaus aus Vinarós nach Westen. Es dauert nicht lange, bis wir auf schmalen Straßen durch riesige Olivenbaumplantagen fahren. Die wenigen Menschen, die uns überhaupt begegnen, sind meist alte Bauern, die zwischen ihren Hainen arbeiten. Ihre Frauen sitzen nur ein paar Kilometer weiter in einem kleinen Dorf unter einer alten Allee. Das laute Knattern meiner Maschine widerhallt in den Gassen und sie schauen uns wenig milde hinterher. Ich muss trotzdem Grinsen, komme ich mir doch vor, als würde ich gerade durch einen BERTOLLI Werbespot brettern.
Etwa 50 Kilometer weiter erreichen wir einen nächsten Hügelzug. Der Hang auf den wir zusteuern ist komplett abgebrannt. Wir fahren um die nächste Kurve und ich kann kaum glauben, was sich uns offenlegt. Nicht der Hang, nein, der ganze Gebirgszug ist verkohlt. Wir fahren durch schwarze Berge. Später werde ich erfahren, dass es der Alto-Tajo-Park war, indem im Juli diesen Sommers schwere Waldbrände wüteten. Auf dem Motorrad atmet man keine „air conditioned“ Luft, man riecht die Landschaft und so dauert es nicht lange, bis der Aschegeruch in der Nase beißt. Erschütterung stößt in mir auf, als wir immer weiter in den Schauplatz dieses Infernos vordringen.

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Vorbei an schwarz verkohlten, von der Feuerhitze verbogenen Straßenschilder. Ich habe das Gefühl, es nimmt kein Ende. Unten am Hang liegt ein verkohltes Auto auf der Seite. Überreste menschlicher Ohnmacht gegen eine Naturgewalt. Ich beschwöhre mich, mich weiter auf die kurvige Strasse zu konzentrieren, nicht nachzudenken. Nach einer halben Stunde sind wir durch und ich empfinde, so abgedroschen es klingen mag, Demut.Es fängt an zu regnen und wir warten -nach diesen Impressionen- nicht ganz so unbeschwert eine Stunde unter ein paar Kieferbäumen auf Besserung.

Eine weitere Stunde verbringen wir wartend in einer Bäckerei bei Café con leche und süßem Gebäck. Endlich reißen die Wolken an einer Stelle auf und wir beschließen, genau unter dieses Loch zu fahren. Egal, welche Himmelsrichtung es sein mag. Das nächste Gebirge. Ich schiebe mich vor R; mich packt die Abenteuerlust. Ich nehme die erstbeste Feldwegabzweigung und zwinge R damit, mir zu folgen. Der Weg ist schlecht befestigt und wir müssen aufpassen, dass die Reifen nicht im sandigen Boden wegrutschen. Wir kommen an einem Sprenghang vorbei. Man konnte die spröden roten Felsen schon von weitem sehen. Überhaupt ist alles hier rot. Und je weiter wir kommen, desto einsamer, staubiger und heißer wird es. Genauso wollte ich es haben. Nach ungefähr 10 Kilometer auf dem schmalen Pfad hinauf erreichen wir -was für eine Überraschung- eine supermoderne Kapelle. Auf den ersten Blick hätte es auch eine LKW-Garage sein können, doch hätte die bestimmt keinen Glockenturm. Nicht wirklich Einlass erwartend klopfen wir an der Tür. Wir sehen uns um. Es ist kein Kloster oder auch nur irgendein(!) Gebäude in der Nähe. Als ich den Weg zurückschaue, sehe ich lediglich, dass der Himmel am Horizont langsam gewitterdunkel wird. Umkehren kommt nicht in Frage! Schließlich ist das hier ein Abendteuer. Wir nehmen die Ungewissheit in Kauf und fahren an der Kapelle vorbei weiter ins Gebirge hinein.

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(klick mich!)

Der Weg wird immer schlechter. Hätten wir beide keine geländetauglichen Maschinen wäre an einer Weiterkommen nicht mehr zu denken. Der einzige Hinweis auf Zivilisation sind die wenigen verlassenen Ruinen auf die wir vereinzelt stoßen. Wir halten kurz an, um uns zu beratschlagen. Aus den Wegen sind nämlich inzwischen geröllige, schmale Pfade geworden, die selbst mit unseren Enduros schwer zu befahren sind. R hält nichts davon weiterzufahren; zu eng, zu gefährlich. Ich überrede ihn trotzdem, muss aber vorausfahren. Der Landschaft nach zu urteilen, sind wir hier im Umkreis von 20 Kilometern die einzigen Menschen. Ich peile auf eine weitere Eremitenhütte zu und höre, dass R immer weiter Abstand lässt um vorsichtig abzuwarten. Rechts von uns abschüssige Tiefe, schroffe Felsen und ein paar Büsche. Ich zwinge mich wieder, nicht hinzusehen. Dann eine steile Auffahrt. Ich hole Schwung und weiß es gibt kein zurück. In der engen Linkskurve am Scheitelpunkt verliere ich den Halt und falle einfach um. Autsch! Während ich mir noch den Staub von der Hose klopfe, kommt R nach und hilft mir, die Maschine wieder aufzustellen. Der Kupplungshebel ist verbogen. Sonst alles gottseidank OK. Zum ersten Mal während unserer ganzen Fahrt steigt nun die Angst in mir hoch. Hier gibt es nichts. Sollte uns -oder auch nur einem von uns- hier etwas passieren, ist an Hilfe nicht zu denken. Kein Dorf in der Nähe, keine Strasse, kein Handyempfang und hinter uns zieht das Gewitter mittlerweile bedrohlich nahe. Wir laufen zu Fuß den Rest zu der Hütte, die ich erreichen wollte. Vielleicht gibt es eine andere Möglichkeit weiterzufahren. Auch sie stellt sich als Ruine heraus. Der Weg ist von der anderen Seite her gesperrt. Wie man hier anders als mit einem Esel hochkommen soll ist mir eh ein Rätsel. Eine unheimliche Stimmung. Fenster und Türen sind verschlagen, der kleine Brunnen vorm Haus versiegt; überall roter Staub. Ich füge mich Mister R. Wenn wir nicht umkehren bringen wir uns in Lebensgefahr. Mir ist diesmal klar, dass er es wörtlich meint. Es gelingt uns, die Motorräder in der Kurve irgendwie zu wenden. Wir müssen weit fahren, um bis zur letzten Abzweigung zurückzukommen. Nach weiteren Kilometern erreichen wir eine Klippe mit grandioser Aussicht auf die Ebene unter uns. Lange können wir leider nicht bleiben. Hinter uns ist der Himmel inzwischen so gespenstisch schwarz, dass man nicht mehr zwischen Berg und Wolke unterscheiden kann. Am Fuß des Berges liegt ein kleines Dorf. Als wir es verlassen, fängt es in großen Tropfen an zu regnen. Es wird der Schauer, von dem selbst das deutsche Fernsehen berichtet, weil das Wasser zentimeterhoch auf den Straßen steht. Bis Vinarós müssen wir 60 km Bundesstrasse fahren, Blitze zucken über uns. Nach wenigen Minuten sind wir klatschnass, das Wasser steht in den Stiefeln. Wir halten in einem Dorf und flüchten uns in eine Tapas-Bar. Hier hocken schon ein paar weitere arme Seelen und fluchen auf das Wetter. R bestellt heiße Getränke für uns und es dauert nicht lange, da spricht uns einer der hier offensichtlich Stammgast ist an. Seinen Augen nach zu urteilen, ist er nicht mehr „so ganz“ nüchtern. Wir versuchen zwar uns auf netten Smalltalk einzulassen, als er aber hört, dass wir Deutsche sind, fängt er an mit dem Finger an die Stirn zu tippen und immer wieder „Chitler, Chitler“ zu sagen. Mit der Zeit fängt er an zu nerven, im Suff fängt er immer wieder von vorn an. Wir brechen ab und weder R noch ich wissen am Schluss eindeutig, wie er uns nun gesinnt war.
Am Abend zuhause angekommen erwarten uns die Jungs wieder mit Tapas. Noch ganz aufgeregt erzähle ich beim Essen von unsrem Abendteuer. Es wird wieder lustig und viel geschäkert. Wir reden über’s heiraten, „verpartnern“ und Kinderkriegen. Und schließlich werde ich aufgeklärt: „die Schwulen bringt nicht der Storch, die bringt der Flamingo“.

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3 Antworten to “14.09.07 – Offroad”

  1. Agrippina Says:

    Oh, gut das du das alles im Nachhinein erzählst. Sonst hätte frau ja anfangen müssen, deinetwegen mit den Zähnen zu klappern…

  2. claribu Says:

    Hab heute angefangen Deine Berichterstattung zu lesen. Toll! Macht Spaß. Freu mich schon auf mehr.

  3. Santa Catalina (Teil 2) « Ambitionsmädchen Says:

    […] Alle Hügel sind komplett abgebrannt, ein desaströser Anblick. Unmittelbar ruft sich mir der >> Anblick in Spanien vor einem Jahr in Erinnerung. “Die Natur ist trotzig”, denke ich und betrachte im Außenspiegel die […]

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