Archive for Oktober 2007

Ganz neue Seiten

Oktober 31, 2007

Hallo meine Lieben,

bevor ich weiter dem heidnischen Halloween-Brauch fröhne, möchte ich euch auf etwas aufmerksam machen, das mir als passioniertem „Mary Poppins“ – Fan den Angstschweiß auf die Stirn treibt…
Warum muss ich an „der Exorzist“ denken???

Wo ist die Süße mit Saurem? 😉

Bis bald ihr Lieben,
eurer Ambitionsmädchen

Grusel-MutterKind-Kombo

Oktober 28, 2007

Hallo ihr Lieben!

Gestern haben die schwulen Jungs (die aus dem Urlaub) ihre traditionelle jährliche Halloweenparty veranstaltet. Schaurig schön war das auch dieses Jahr! Es gab wieder Augäpfel, die natürlich nur leckere Likörkirschen sind (und zum allgemeinen Ekelaufschrei auch die eingelegten Schweinsäuglein vom Metzger („Oh nein, gleich sehen wir von jemandem die Pizza wieder!“). Die blieben dann gottseidank auch nur „Deko“). Selbstredend waren alle angemessen gedresst und ich war ja schon fast ein wenig schockiert, dass mich mehr als zwei Leute für einen echten Mann hielten. Natürlich nur, bis sie mich reden hörten. Ach herrje, da macht man einmal keine sexy Vampirella und dann braucht es wirklich nur so wenig, um mir den DragKing abzunehmen??? Ich stelle es dem geschätzen Leser frei, sich selbst ein Bild zu machen. Meiner Intention nach, wollte ich diesmal nämlich Vlad Dracul („mehr so Bram Stoker“) selbst repräsentieren. Leider sind mir meine eigens gekauften Spitzzähne schon auf dem Weg zur Party im Auto ausgefallen (*Handyringring* „Hallo?“…“Ipf kann jetpft nicht rejn“…“Ipf hab Pfäne im Mund“…“Pfääne!“…“Kann ipf Dich furückruf – Shit, jetzt sind sie rausgefallen!“…“Ich ruf Dich morgen an!“). So ein Mist! Gut, dass ich noch ein Kindergruselgebiss dabei hatte… Zusammen mit meinen beiden Lieblingsheuchelfreundinnen („mehr so Bela Lugosi“ und „Unfallopfer“) kamen wir dann zeitig an und fügten uns sehr gut in das harmonische Horrorgesamtbild zwischen Totenkopfschädeln und Grabsteinen im Vorgarten ein. Im UV-Licht sieht übrigens selbst Prosecco aus wie grüner …Schleim. Doch ich habe auch an diesem Abend wieder etwas dazugelernt. Gayparties sind die sprudelnde Inspiration: „Einen Schwulen erkennt man an der Zigarettenasche auf der Schulter“. Wie süß! (Ich hab’s ja nicht auf Anhieb verstanden und erkläre daher auf Wunsch gerne, wie diese Aussage zu interpretieren ist 😉 )

halloween01.jpg

Wahrer Grusel ist natürlich was anderes! Allein die Headline könnte bei zarten Gemütern vielleicht schon eine erwartungsvolle Gänsehaut ausgelöst haben. Mich hat’s jedenfalls (ganz doll!) geschüttelt, als ich am Hauptbahnhof neben der SMS-Junk-Mutter stand. Damit das Mädl im Kinderwagen Ruhe gibt, hat sie ihrer Tochter einfach auch ein Handy in die Hand gedrückt. Wohl gemerkt ein echtes und kein Spielzeug. „Huuujjaaahaaarrrraar“ macht da meine innere Geisterstimme. Wir erziehen uns unsere Freaks selber… 😉
Schnell sich einreden es war nur eine Ausnahme! Sonst macht sie das ja nie! …

halloween02.jpg

Zum Urlaub gibts natürlich auch noch zu berichten, allerdings brauch ich da erst wieder mehr Muse 😉

Bis bald,

euer Ambitionsmaedchen

********************************************************
Just listening:
“The Polyphonic Spree – Section 9”
********************************************************

Mensaoutings

Oktober 12, 2007

Hallo ihr Lieben,

bevor ich weiter von meiner Reise berichte, muss ich doch glatt erzählen, wer mir gestern im Gaydelight-Zelt gegenübersaß! Ich schätze es muss wohl schon halb neun und fast eine ganze Maß gewesen sein. Die Zelteingänge wurden bereits versperrt, so propenvoll war’s. Keine vier Meter weiter sah ich einen Lockenkopf, der mir doch sehr bekannt vorkam. Sollte es wirklich sein, dass…? Mein Gesicht muss schon ganz besonders dämlich ausgesehen haben, denn meine Banknachbarin gegenüber fing urplötzlich lauthals an zu lachen und zwar ganz offensichtlich über mich. Dabei hatten wir uns vor einer Stunde erst kennengelernt. Wie auch immer. Ich sah nochmal an ihr vorbei und tatsächlich! Da saß sie! Meine Zahnärztin! Total fassungslos brüllte ich (zugegebenermaßen schon durch die Maß enthemmt): „Meine Zahnärztin, meine Zahnärztin! Da ist sie! Da!“ Gut, dass nur „Fiesta, Fiesta Mexicana“ noch lauter war! Möglichst unauffällig versuchte ich rauszufinden, ob der Typ neben ihr womöglich doch ihr Freund ist, oder noch schlimmer: ihr Mann. Nach kurzer Erklärung der Situation bekam ich gutgemeinte Tips von allen Beisitzerinnen. Allerdings fand ich: „Hallo! Ich bin die, der sie immer den Fluorlack draufmachen“ keinen geeigneten Einstieg in eine ungezwungene Konversation. Leider hatten wirklich alle vorgeschlagenen Anmachsprüche dentalen Kontext. So kam es, dass ich schier an der Bierbank kratzend und total desperate dasaß und doch salzsäulengleich nichts unternahm, als sie mitsamt ihrer Gruppe 10 Minuten später aufstand und ging. Diesmal sorgte wohl mein langes Gesicht für die allgemeine Erheiterung am Tisch. Damned!

Gut, dass ich heute länger schlafen konnte. Ganz „fit“, bin ich nämlich noch immer nicht. Auf dem Weg zur Mensa zogen mich heute drei befreundete Kommilitoninnen beiseite. Sie wüßten da was. Ich solle mal raten, wer aus unserem Studiengang denn schwul sein könnte. Da wir nur knapp 50 Leute im Semester sind und ich -außer mir- niemanden kenne, der queer durch die Gegend rennt war ich erst mal ratlos und nannte einfach ein paar Namen. So ein, zwein würd ich’s schon zutrauen. Total falsch winkten sie lachend ab und bedeuteten mir dann aber sofort leise zu sein, weil sich ein ganzer Pulk hinter uns näherte. Ich dachte weiter nach. Inzwischen standen wir bereits am Essensrondell, bei dem man die verschiedenen Tagesessen begutachten kann. Während sie sich die Speisen anschauten und über die wenig liebevolle Drapierung lästerten, warf ich trotzig und neugierig dazwischen: „Ich will jetzt endlich wissen, wer schwul ist!“ In diesem Augenblick beugte sich ein Kommilitone über meine Schulter, und fragte: „Was gibts denn heute?“. Regungslos stand ich da, als sie mich alle wortlos anstarrten. Oh Gott! Ich hatte sofort kapiert. Er stand genau hinter mir. Die Erste drehte sich schon prustend weg, offensichtlich wäre sie sonst regelrecht geplatzt. Dem unverholenem Grinsen der anderen entnahm ich dann, dass er wohl schon wieder weg war. Ich hätte nicht gewagt mich umzudrehen. „Oh nein, ich glaube ich bin voll ins Fettnäpfchen getreten, oder?“ Lachend kam die Prusterin auf mich zu „Naja, es war war eher so groß“ und bildete mit beiden Armen einen Ring.
So ist das nun also… ich bin nicht mehr allein. Auch schön 🙂

Morgen wieder mit Reisebericht, versprochen 😉
Euer Ambitionsmädchen

********************************************************
Just listening:
“Sono – Blame”
********************************************************

15.09.07 – On The Road Again

Oktober 10, 2007

Es gab noch nicht mal Frühstück, da sitzen R und ich beim Krisengespräch. Des Nachts hat R (wie immer) geschnarcht und im Schlaf habe ich ihm wohl so einen heftigen Seitenhieb verpasst, dass er anschließend auf die Zweisitzer-Couch auswanderte und nun entsprechend gerädert und ernst mit mir spricht. Er erwägt tatsächlich alles abzubrechen und notfalls allein über Frankreich wieder zurückzufahren. Bereits gestern waren kurz aneinandergerumpelt. Ich traue mich schlicht und einfach nicht, so flott und souverän in die Kurven zu gehen wie er. Aus diesem Grund hängt er mich immer wieder ab und ich hechle hinterher. Wir haben beide weniger Spaß. Er, weil er langsamer fahren muss; ich, weil ich nicht hinterherkomme. OK, das Schnarchen ist echt fies, aber an Abbrechen würde ich deshalb doch noch lange nicht denken! Wir sprechen uns aus und ich bin froh, dass wir noch nicht aufgeben. Es folgt ein Abschiedsfrühstück mit den Jungs und wir brechen auf ins Landesinnere. Hinter dem halb offenem Visier singe ich: >> Willie Nelson’s „On The Road Again“ und bin bester Dinge. Zunächst wählen wir die Nationalstrasse und kommen gut voran. Nach ca. 50 Kilometer fängt es dann an. Doktor Suzuki beginnt zu hicksen, als hätte er einen 2-Takt-Schluckauf. Kein gutes Zeichen. Wenige Meter weiter knallt der Auspuff wie ein alter Rangerjeep und das Motorrad wird trotz unnachgibigem Gasgebens immer langsammer und bleibt schließlich stehn. Ich kann gerade noch auf den 50 cm Standstreifen rollen. R ist vor mir unterwegs und kommt erst nach einigen Minuten zurück. Offensichtlich hat er mich dann doch irgendwann im Rückspiegel vermisst.
„Kaputt!“ sage ich wie eine echte Frau und unterstreiche meine Diagnose mit einem Schulterzucken. Wir tauschen Motorräder und obwohl die Maschine nochmal anspringt gelingt es auch R tatsächlich nur wenige Kilometer zurückzulegen, bis wir wieder anhalten müssen. „I verwedd moin Arsch drauf, dass de sched koin Benzin griegt“, spekuliert der langjährige Mopedfahrer. Auch wenn mir das jetzt keiner glauben mag, aber ich dachte mir schon, dass es wohl am Benzinfilter liegt. Bevor wir unsere Tour gestartet hatten, habe ich die Zuleitung nämlich noch erneuert. Ärgerlich, dass ich die ganze Arbeit und den aufgeschürften Ellebogen (darauf gehe ich jetzt aber nicht ein) umsonst einstecken musste. In weiser Vorraussicht habe ich aber ein Stück Gummischlauch eingepackt und ziehe es triumphierend -und sehr zu Mister R’s Erstaunen- aus dem Rucksack. Für die kundige KfZ-ler unter uns: Wir bauen den Filter kurzerhand aus und legen die Zuleitung direkt zum Motor. Und siehe da, Doktor Suzuki knattert wieder wie gewohnt und fährt wie eine eins.

Nächstes Ziel: >> Morella
Allein die Serpentinen zu dem 1070m hoch gelegenen Städchen sind großartig. Und ich denke wieder: Doktor Suzuki ist flink wie ein junges Bergzicklein! Es macht einfach wahnsinnig viel Spaß sich durch (zur Abwechslung mal sattes grün und) die engen Straßenschlaufen hochzuarbeiten. Und ich merke, dass R tatsächlich Rücksicht nimmt und ich aber auch gelassener werde, wenn er dann doch mal an Stellen überholt, die ich -selbst jetzt noch- als (vorsichtig formuliert) „uneinsichtig“ und „gewagt“ bezeichnen würde. Wir erreichen das Hochplateau, fahren noch um eine Felsecke und dann sehen wir sie schon vor uns in einigen Kilometern Entfernung. Die >>Burg Morella, die – eh schon hoch gelegen, sahnetoppinglike- auf einer einzelnen Anhöhe sitzt. Die alten Häuser der Stadt schmiegen sich wie eine Katze um den Fuß der Burg. Was für ein grandioser, ergreifender Anblick bei jedem Kilometer den wir uns nähern!
Mit Motorrädern finden wir direkt unterhalb der Burg einen Parkplatz und laufen hoch. 1 1/2 Stunden verbringen wir damit uns den Zeitzeugen bewegter spanischer Historie anzusehen. Der ausführliche und mittlerweile ganz abgegriffene, abgeregnete und verkuddelte Burgführer liegt, als ich dies schreibe, neben mir. Sinngemäß heißt es da:
„Als stummer Beobachter, doch gleichzeitig aktiver Teilnehmer der Geschichte von Morella und des umliegenden Landes hat die Burg in ihren Mauern Könige und Päpste, Heilige und Generäle, Dichter und Ritter, Helden und Verräter gesehen.“

spanien07.jpg

Als Tor von der Küstenregion Katalonien nach Aragonien dauerte seine Geschichte 900 Jahre, stehts von Machtkämpfen und Herrschsucht gekennzeichnet. „Naja… ein bisschen abgekämpft sieht sie schon aus“, denke ich. Jedesmal, als wir eine der zur Schau gestellten Kanonen sehen, posieren dort heroisch die Männer und ihre Frauen knippsen eifrig gegen die Sonne. Ich frage R, ob er auch ein heroisches Bild von sich möchte. Er verneint. Wir essen in der Stadt. Nachdem er auch meine komisch riechenden Lammkottletts gegessen hat (beim besten Willen bringe ich die nicht runter), laufen R und ich durch die touristisch optimal aufbereiteten Gassen. R kauft 5 Steinschleudern für seine Neffen und ich hadere sehr lange mit mir, ob mein bester Freund Herr O. daheim wohl auch eine gebrauchen könnte. Über 30 dürften die Einsatzgelegenheiten dann aber wohl doch zu spärlich sein, als dass sich diese Investition lohnen würde.
Wir ziehen weiter Richtung Südwest. Stundenlang, einsam durch steinige, karge Gebirge. Soweit das Auge reicht nur unzählige, wer weiß wie viele hundert Jahre alte Steinmauern. Die Vegetation besteht lediglich aus einigen dornigen, niedrigen Büschen. Trüber Himmel, es ist kühl, aber nicht kalt. Hin und wieder eine Art verlassene Hütte, doch mehr Iglu, nur aus unzähligen kleinen Steinen gebaut. Als ein gewaltiger Adler mit seinen weit gespreizten Schwingen vor uns im Tiefflug die Straße kreuzt bleibt mir der Atem stehn. Nicht vor Angst, sondern weil ich nicht glauben kann, dass uns so etwas kitschig schönes gerade jetzt passiert. Wir fahren durch wirklich(!) tiefe Schluchten und über schmale Brücken. Am höchsten Punkt des Passes steht eindrucksvoll eine meterhohe Marienstatue mit Heiland im Arm. Die Landschaft wird mit der Zeit wieder sanfter, doch nach jeder Kurve sehen wir ein neues spektakuläres Tal. Ich denke: „So muss es wohl sein, durch den Grand Canyon zu fahren.“ und gleichzeitig ärgere ich mich, dass ich dieses Land immer wieder vergleichend beschreibe. Es fehlen mir einfach die Worte, die Eindrücke angemessen zu schildern, ohne dass etwas verloren geht. Egal wie viel ich schreibe, ich werde sowieso an diesem Anspruch scheitern.
Es wird spät und wir beschließen uns langsam eine Bleibe für die Nacht zu suchen. In einem abgelegenem Bergdorf namens Manzanera werden wir fündig. Wir quatieren uns in ein 6qm großes Zimmer mit 2 Einzelbetten am Campingplatz. Auf dem Gang gibt es zwei Gemeinschaftsbäder. Kein Luxus, aber wir sind vollkommen zufrieden, reicht es für uns doch bei weitem aus. Außerdem sind wir wohl die einzigen Gäste. Wir duschen und laufen noch spazieren.

spanien091.jpg

Es gibt genau zwei Bars im Dorf. Aus der ersten kommt uns eine Spanierin im Chinesenkostüm entgegen. Wir sehen uns augenbrauenhebend an und verzichten auf weitere Recherchen. Vor der nächsten bleibe ich erst mal stehen und lese den Aushang. „Hey, ich versteh kein Wort von der Karte!“ „Das ist auch der Busfahrplan und keine Karte“. Mein Gott wie peinlich! Nichts wie rein und ein Cerveza bestellt.

14.09.07 – Offroad

Oktober 4, 2007

Wir entlasten die Jungs von unserer Anwesenheit und machen einen Motorradausflug. R verspricht mir, dass es ein großer Unterschied sei, ob man mit oder ohne Gepäck fährt. Nachdem ich am Vortag schon fast ein bisschen bereut hatte nicht mitzufahren, glaube ich ihm einfach. Wir brechen nach einem zeitigen Frühstück auf, um die noch kühle Morgenluft zu genießen. Über die Straße direkt am Strand hinaus aus Vinarós nach Westen. Es dauert nicht lange, bis wir auf schmalen Straßen durch riesige Olivenbaumplantagen fahren. Die wenigen Menschen, die uns überhaupt begegnen, sind meist alte Bauern, die zwischen ihren Hainen arbeiten. Ihre Frauen sitzen nur ein paar Kilometer weiter in einem kleinen Dorf unter einer alten Allee. Das laute Knattern meiner Maschine widerhallt in den Gassen und sie schauen uns wenig milde hinterher. Ich muss trotzdem Grinsen, komme ich mir doch vor, als würde ich gerade durch einen BERTOLLI Werbespot brettern.
Etwa 50 Kilometer weiter erreichen wir einen nächsten Hügelzug. Der Hang auf den wir zusteuern ist komplett abgebrannt. Wir fahren um die nächste Kurve und ich kann kaum glauben, was sich uns offenlegt. Nicht der Hang, nein, der ganze Gebirgszug ist verkohlt. Wir fahren durch schwarze Berge. Später werde ich erfahren, dass es der Alto-Tajo-Park war, indem im Juli diesen Sommers schwere Waldbrände wüteten. Auf dem Motorrad atmet man keine „air conditioned“ Luft, man riecht die Landschaft und so dauert es nicht lange, bis der Aschegeruch in der Nase beißt. Erschütterung stößt in mir auf, als wir immer weiter in den Schauplatz dieses Infernos vordringen.

spanien05.jpg

Vorbei an schwarz verkohlten, von der Feuerhitze verbogenen Straßenschilder. Ich habe das Gefühl, es nimmt kein Ende. Unten am Hang liegt ein verkohltes Auto auf der Seite. Überreste menschlicher Ohnmacht gegen eine Naturgewalt. Ich beschwöhre mich, mich weiter auf die kurvige Strasse zu konzentrieren, nicht nachzudenken. Nach einer halben Stunde sind wir durch und ich empfinde, so abgedroschen es klingen mag, Demut.Es fängt an zu regnen und wir warten -nach diesen Impressionen- nicht ganz so unbeschwert eine Stunde unter ein paar Kieferbäumen auf Besserung.

Eine weitere Stunde verbringen wir wartend in einer Bäckerei bei Café con leche und süßem Gebäck. Endlich reißen die Wolken an einer Stelle auf und wir beschließen, genau unter dieses Loch zu fahren. Egal, welche Himmelsrichtung es sein mag. Das nächste Gebirge. Ich schiebe mich vor R; mich packt die Abenteuerlust. Ich nehme die erstbeste Feldwegabzweigung und zwinge R damit, mir zu folgen. Der Weg ist schlecht befestigt und wir müssen aufpassen, dass die Reifen nicht im sandigen Boden wegrutschen. Wir kommen an einem Sprenghang vorbei. Man konnte die spröden roten Felsen schon von weitem sehen. Überhaupt ist alles hier rot. Und je weiter wir kommen, desto einsamer, staubiger und heißer wird es. Genauso wollte ich es haben. Nach ungefähr 10 Kilometer auf dem schmalen Pfad hinauf erreichen wir -was für eine Überraschung- eine supermoderne Kapelle. Auf den ersten Blick hätte es auch eine LKW-Garage sein können, doch hätte die bestimmt keinen Glockenturm. Nicht wirklich Einlass erwartend klopfen wir an der Tür. Wir sehen uns um. Es ist kein Kloster oder auch nur irgendein(!) Gebäude in der Nähe. Als ich den Weg zurückschaue, sehe ich lediglich, dass der Himmel am Horizont langsam gewitterdunkel wird. Umkehren kommt nicht in Frage! Schließlich ist das hier ein Abendteuer. Wir nehmen die Ungewissheit in Kauf und fahren an der Kapelle vorbei weiter ins Gebirge hinein.

spanien061.jpg
(klick mich!)

Der Weg wird immer schlechter. Hätten wir beide keine geländetauglichen Maschinen wäre an einer Weiterkommen nicht mehr zu denken. Der einzige Hinweis auf Zivilisation sind die wenigen verlassenen Ruinen auf die wir vereinzelt stoßen. Wir halten kurz an, um uns zu beratschlagen. Aus den Wegen sind nämlich inzwischen geröllige, schmale Pfade geworden, die selbst mit unseren Enduros schwer zu befahren sind. R hält nichts davon weiterzufahren; zu eng, zu gefährlich. Ich überrede ihn trotzdem, muss aber vorausfahren. Der Landschaft nach zu urteilen, sind wir hier im Umkreis von 20 Kilometern die einzigen Menschen. Ich peile auf eine weitere Eremitenhütte zu und höre, dass R immer weiter Abstand lässt um vorsichtig abzuwarten. Rechts von uns abschüssige Tiefe, schroffe Felsen und ein paar Büsche. Ich zwinge mich wieder, nicht hinzusehen. Dann eine steile Auffahrt. Ich hole Schwung und weiß es gibt kein zurück. In der engen Linkskurve am Scheitelpunkt verliere ich den Halt und falle einfach um. Autsch! Während ich mir noch den Staub von der Hose klopfe, kommt R nach und hilft mir, die Maschine wieder aufzustellen. Der Kupplungshebel ist verbogen. Sonst alles gottseidank OK. Zum ersten Mal während unserer ganzen Fahrt steigt nun die Angst in mir hoch. Hier gibt es nichts. Sollte uns -oder auch nur einem von uns- hier etwas passieren, ist an Hilfe nicht zu denken. Kein Dorf in der Nähe, keine Strasse, kein Handyempfang und hinter uns zieht das Gewitter mittlerweile bedrohlich nahe. Wir laufen zu Fuß den Rest zu der Hütte, die ich erreichen wollte. Vielleicht gibt es eine andere Möglichkeit weiterzufahren. Auch sie stellt sich als Ruine heraus. Der Weg ist von der anderen Seite her gesperrt. Wie man hier anders als mit einem Esel hochkommen soll ist mir eh ein Rätsel. Eine unheimliche Stimmung. Fenster und Türen sind verschlagen, der kleine Brunnen vorm Haus versiegt; überall roter Staub. Ich füge mich Mister R. Wenn wir nicht umkehren bringen wir uns in Lebensgefahr. Mir ist diesmal klar, dass er es wörtlich meint. Es gelingt uns, die Motorräder in der Kurve irgendwie zu wenden. Wir müssen weit fahren, um bis zur letzten Abzweigung zurückzukommen. Nach weiteren Kilometern erreichen wir eine Klippe mit grandioser Aussicht auf die Ebene unter uns. Lange können wir leider nicht bleiben. Hinter uns ist der Himmel inzwischen so gespenstisch schwarz, dass man nicht mehr zwischen Berg und Wolke unterscheiden kann. Am Fuß des Berges liegt ein kleines Dorf. Als wir es verlassen, fängt es in großen Tropfen an zu regnen. Es wird der Schauer, von dem selbst das deutsche Fernsehen berichtet, weil das Wasser zentimeterhoch auf den Straßen steht. Bis Vinarós müssen wir 60 km Bundesstrasse fahren, Blitze zucken über uns. Nach wenigen Minuten sind wir klatschnass, das Wasser steht in den Stiefeln. Wir halten in einem Dorf und flüchten uns in eine Tapas-Bar. Hier hocken schon ein paar weitere arme Seelen und fluchen auf das Wetter. R bestellt heiße Getränke für uns und es dauert nicht lange, da spricht uns einer der hier offensichtlich Stammgast ist an. Seinen Augen nach zu urteilen, ist er nicht mehr „so ganz“ nüchtern. Wir versuchen zwar uns auf netten Smalltalk einzulassen, als er aber hört, dass wir Deutsche sind, fängt er an mit dem Finger an die Stirn zu tippen und immer wieder „Chitler, Chitler“ zu sagen. Mit der Zeit fängt er an zu nerven, im Suff fängt er immer wieder von vorn an. Wir brechen ab und weder R noch ich wissen am Schluss eindeutig, wie er uns nun gesinnt war.
Am Abend zuhause angekommen erwarten uns die Jungs wieder mit Tapas. Noch ganz aufgeregt erzähle ich beim Essen von unsrem Abendteuer. Es wird wieder lustig und viel geschäkert. Wir reden über’s heiraten, „verpartnern“ und Kinderkriegen. Und schließlich werde ich aufgeklärt: „die Schwulen bringt nicht der Storch, die bringt der Flamingo“.


%d Bloggern gefällt das: